Weißes Geflügel

Santo Domingo de La Calzada

Liebe Daheimgebliebenen,

eine sehr prominente Station auf dem Jakobsweg ist “Santo Domingo de La Calzada”. Das deshalb, weil hier noch immer an ein Wunder aus dem 16. Jahrhundert auf höchst anschauliche Weise erinnert wird. In jenem Jahrhundert machte ein deutscher Pilger Namens Hugonell mit seinen Eltern Rast in Santo Domingo. Die Wirtstochter verguckte sich in ihn und als er ihre Liebe verschmähte, bezichtigte sie ihn des Diebstahls. So endete Hugonell alsbald am Strick. Was das mit Liebe zu tun hat, wissen nur die Götter.

Die Kathedrale in Santo Domingo de La CalzadaSeine Eltern pilgerten weiter nach Santiago und als sie zurückkamen – damals flog man ja nicht einfach so heim – fanden sie ihren Sohn am Ortseingang auf den Schultern des heiligen Jakobus. Immer noch mit dem Strick um den Hals, aber nun lebendig. Als sie dies dem Richter meldeten, der das Urteil gefällt hatte und der gerade zu Mittag aß, sagte dieser: “Euer Sohn ist so tot wie das Brathuhn hier auf meinem Teller”. In diesem Moment wurde sein Hähnchen lebendig und krähte laut.

Seit dieser Zeit werden ein paar weiße Hühner in der Kathedrale von Santo Domingo gehalten. Die Hühner sitzen in einer Art kleinem Balkon hinter Glas, picken also nicht um den Altar herum nach Futter. Neuere Tierschutzgesetze sorgen dafür, dass die Tiere nach 21 Tagen durch ein neues Paar ersetzt werden. An die Kathedrale ist ein kleines Museum angeschlossen und der Besuch lohnt sich voll und ganz. Nicht nur wegen dem Geflügel. Im übrigen war die Musik, die in der Kirche leise gespielt wurde allererste Sahne. Die CD muss her!

Das Refugio von Acácio und Orietta in Viloria de Rioja

Einen Teil der ersten 15 Kilometer von Azofra nach Santo Domingo gehe ich erstmals gemeinsam mit einem anderen Pilger, nämlich mit Werner aus München, fast ebenso alt wie ich. Wir gehen etwa das gleiche, ziemlich hohe Tempo und unterhalten uns gut. Auch nach dem Besuch des Hühnerstalls bleiben wir für weitere 15 Kilometer zusammen.

Losgelaufen mit dem Vorsatz in einem Hotel zu übernachten, landen wir in einem kleinen Dorf namens “Viloria de Rioja”, das nur aus ein paar Häusern besteht. Eines davon sieht ziemlich verfallen aus, die Beschriftung behauptet aber es handle sich um ein Refugio. Betrieben von Acácio, einem Brasilianer, und seiner Lebensgefährtin aus Italien, genannt Orietta.

Das Haus in dem sich das Refugio befindet

Das Dach des Hauses ist definitiv nur zur Hälfte vorhanden, der Rest eingestürzt. Im ersten Stockwerk sind anstelle von Glasfenstern nur Plastikfolien auf die Rahmen gespannt, das Erdgeschoss ist dagegen komplett renoviert. Dort gibt es zwei Räume die ineinander übergehen, eine abgetrennte Küche, Internetanschluss(!), alle Bücher von Paulo Coelho in mehrfacher Ausführung und in allen Sprachen, qualmende Räucherstäbchen, Buddhas, indische Shiwas und aus dem Ghettoblaster in der Ecke klang das “Om mani Padme Hum”.

Wer sich mit den Weltreligionen und Paulo Coelho ein bisschen auskennt, weiß nach dieser Beschreibung, wie die beiden Herbergsbetreiber ticken.

Der Schlafraum im Refugio

Schön war es trotzdem. Im Schlafraum, vermutlich einst die Scheune des Hauses, stehen richtig schöne Holzbetten auf dem schiefen Boden. Breit und zwei Meter lang! Davon einige nebeneinander, in der Ecke weitere fünf Stockbetten. Der Rest der Einrichtung ist bunt zusammengewürfelt, die sanitären Einrichtungen einfach aber sauber und funktionell. Acácio nimmt fünf Euro für die Schlafstätte und erklärt der Rest sei “Donativo”, also Spende. Ausserdem können alle Pilger die das wünschen gemeinsam mit ihm und seiner Frau Orietta essen. Acácio selbst fungiert offensichtlich als wichtige Anlaufstelle für alle Brasilianer, die den Camino gehen wollen, denn er hat ununterbrochen Unmengen von E-Mails zu beantworten.

Ausser Werner und mir schneien nacheinander noch herein: Anni aus Südtirol, Heike aus Düsseldorf und der etwa 50-jährige Etienne aus Gent in Belgien. Das war dann schon die ganze Besetzung. Vor der einfachen Mahlzeit, die an einem großen, fast quadratischen Tisch eingenommen wird, werden wir gebeten uns vorzustellen und den Grund unseres Hierseins kurz zu erläutern. Das ist natürlich wieder ein wildes Sprachengemisch. Denn Anni kann deutsch, was die beiden Gastgeber nicht verstehen, und italienisch, was ausser ihr nur Orietta versteht.

Acácio und Orietta (v. links)

Schliesslich einigen wir uns auf englisch, Anni soll jeweils eine Übersetzung bekommen. Und so lösen sich die Zungen, während wir Wein trinken, Reis mit Gemüseeintopf, Salat und selbstgebackenes Schwarzbrot von Orietta verspeisen. Ein sehr unterhaltsamer und internationaler Abend, der damit endet, dass die Gastgeberin abspült und die Pilger abtrocknen.

Eine sehr familiäre Wohltat nach den vorangegangenen Nächten. So etwas schönes werden wohl die wenigsten Pilger auf ihrem Weg erleben. Ich bin offen für weitere Abende dieser Art. Es sind ja immerhin noch 568 Kilometer nach Santiago.

Vielen Dank Acácio und Orietta. Gute Nacht.

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