Von Pilgern und Betten

Liebe Daheimgebliebenen,

kürzlich hatte ich einen psychischen Tiefpunkt, fühlte mich, und war auch wirklich ganz allein. Umso faszinierender ist es, wie sehr die Anzahl der Pilger, die man tagsüber sieht, variiert. Logisch ist es, dass in einer Stadt wie Leon viele Peregrinos übernachten wollen. Ausser den 200 Betten in zwei Herbergen gibt es ja noch jede Menge Hotels, die auch gut frequentiert sind.

Sieht aus wie Jesus, ist aber ein junger Belgier :-)Interessant ist, wohin diese Menschen am nächsten Tag alle verschwinden. Mein Ziel ist an diesem Tag “Villar de Mazarife”, der Weg selbst führt über Feldwege und vier Kilometer Straße wieder über die Hochebene. Da die Gesamtstrecke von León aus “nur” 24 Kilometer beträgt, ist davon auszugehen, dass viele Pilger diesen Ort ebenfalls zum Ziel haben. Ganz abgesehen davon, dass in einem weit verbreiteten Reiseführer dieser Ort ebenfalls als Etappenziel angegeben ist, verfügt der Zielort zwar über drei Herbergen, aber mit zusammengenommen nur etwa 125 Betten.

Was tun die anderen 75 Pilger, die in León gestartet sind, wenn in Villar de Mazarife alle Betten belegt sind? Weitergehen? Das kann bei manchen Etappen hart werden. Hier zum Beispiel müsste man volle zehn Kilometer weiter gehen um zur nächsten Herberge zu gelangen. Und 34 Kilometer an einem Tag, das laufen nicht allzu viele. Für mich ist diese Frage jedenfalls nicht geklärt, denn es gab kein Gedränge am Abend in Villar de Mazarife.

Refugio JesusDa in meinen Übernachtungstipps die “Alberque del Jesús” hoch gelobt wird – sogar einen Pool soll es geben – lasse ich mich wieder darauf ein. Das Haus erinnert an eine kleine Hazienda mit Innenhof und Galerie im ersten Stock. Clint Eastwood als Westernheld würde sich hier gut machen. Alle Wände des Hauses sind in angenehmen Farben bunt gestrichen und über und über mit Grüßen und Cartoons bemalt, die die Leute aus aller Welt hier hinterlassen haben. Es gibt einen Garten, zwei Internet-PCs, zwei Küchen und tatsächlich einen aufblasbaren Pool im Garten. Das alles wieder auf Basis “Donativo”, also Spende. Jeder was er will und kann.

Klingt alles ganz nett, ein paar Einschränkungen gibt es aber trotzdem. Dem Wasser im Pool traue ich keinesfalls über den Weg, die Matratzen und Decken auf der Galerie im ersten Stock (Notbetten) würde ich nicht mal mit einer Kneifzange anfassen. Das renovierte 4-Bett-Zimmer in dem ich lande, macht auf den ersten Blick Hoffnung, die Realität erkenne ich nur Häppchenweise. Das Bett zwar 90 Zentimeter breit, aber nur ausgestattet mit einer 80er Matratze. Der Schläfer über mir nur knappe 60 Zentimeter entfernt. Das Zimmer wäre eigentlich bereits mit zwei Betten voll gewesen, der Sauerstoff reicht nachts nur sehr knapp für vier Personen.

Mich erstaunt in diesem Zusammenhang mein eigener Umgang mit der Situation. Natürlich ist die ganze Pilgerreise mein Wunsch gewesen. Und obwohl ich im Alltag teilweise recht hohe Ansprüche an vieles stelle, leide ich hier nicht unter den fehlenden Annehmlichkeiten. Auch wenn meine Kritik an mancher Schlafstätte das glauben machen könnte. Es gibt eigentlich nur zwei Dinge, die richtig hart für mich sind. Das eine sind die kleinen Betten, das andere ist der Platzmangel für seine paar persönlichen Sachen, die man mit sich herumträgt.

Die Galerie des RefugiosDeshalb möchte ich Euch bitten, zu Hause folgende Selbstverständlichkeiten heute ganz besonders zu geniessen:
ein Bett das lang genug ist (meine 1,86 m Körpergröße in Stockbetten zu legen, die nur 1,90 m lang sind, ist eine Qual); ein Bett das breit genug ist und alleine in einem Raum steht; ein Bett das sauber bezogen ist und ein Kopfkissen hat; ein Bett, um das herum zumindest auf drei Seiten mehr als 30 Zentimeter Raum sind, und, auch wenn es nicht üblich ist stehend zu schlafen – ich wünsche Dir, dass Du Dich in deinem Bett aufrecht sitzend aufhalten kannst, oder sogar darin stehen kannst.

Geniesse bitte weiterhin: Deinen Kleiderschrank; eventuell einen Stuhl am Bett auf dem man Kleidungsstücke ablegen kann; Dein Badezimmer mit einer Armatur aus der ausreichend Wasser in der gewünschten Temperatur kommt.

Was man sich sonst noch alles ins oder ans Bett wünschen könnte, will ich hier nicht weiter vertiefen, ich bin schließlich auf einer Pilgerreise und das 300 Kilometer vor Santiago. Auch wenn ich ziemlich sicher bin, selbst keine solche zu haben, hier bei Jesús, Dir wünsche ich auf jeden Fall eine Gute Nacht.