Von Fromista nach Sahagún

Liebe Daheimgebliebenen,

trotz des leckeren Abendessens, der Fußwaschung und des erhaltenen Segens geht es meinen Blasen heute keinen Deut besser als gestern. Drei an einem Fuß ist einfach zu viel des guten.

Der Canal de CastillaZu meiner Stimmung und der Landschaft passt heute bestens die Musik von Calexico. Zum Glück trage ich auf meinem MP3-Player circa 20 Gigabyte Musik für jede Lebenslage immer am Körper. Calexico spielen gewissermaßen amerikanischen Folk, eingestreut sind mexikanische Musikelemente und Mariachi-Trompeten. Die Gruppe kommt aus dem Grenzgebiet von Texas zu Mexiko. Daher auch der Name.

Wenn ich mir die dortige Landschaft vorstelle, dann assoziiere ich Sonne, Weite, Staub, Sand und Gestrüpp-Knäuel, die vom Wind über das Land geblasen werden. Nur letztere fehlen hier. Die bereits zwei Tage lang genossene Weite mit Stoppelfeldern und Flachheit des Geländes bestimmt auch heute das Bild der Landschaft für circa 13, 14 Kilometer. Einzige Abwechslung sind etwa drei Kilometer, die am “Canal de Castilla” entlang führen.

 Schleuse vor FromistaDieser ist insgesamt 207 Kilometer lang und wurde in den Jahren 1753 bis 1859 gebaut, um das hier angebaute Getreide an die Atlantikküste transportieren zu können. Heute dient er nur noch der Bewässerung der Felder. Von der Anlage her hat er große Ähnlichkeit mit “unserem” alten Kanal des Königs Ludwig.

Als ich endlich humpelnd in Fromista eintreffe, ist mein erstes Ziel eine Apotheke, um mich mit einer ausreichenden Menge neuer Blasenpflaster zu versorgen. Der Apotheker freut sich über den unerwarteten Umsatzschub! Mein zweites Ziel ist die örtliche Touristik-Information, wo nur ein junges Mädchen Dienst tut, die kein englisch spricht. Wir verstehen uns trotzdem.

Mein Plan, die nächsten 30 Kilometer mit dem Bus zurückzulegen, wird so nicht klappen. Denn dass mein kleines Handbuch ein Bussymbol in Fromista anzeigt, ist zwar korrekt, ebenso korrekt ist die Anzeige des Symbols in “Carrion de Los Condes” (ich liebe diese Orts-Namen), das heißt aber noch lange nicht, dass es zwischen diesen beiden Orten eine Busverbindung gibt.

Und so weite ich meinen nächsten Sprung auf zwei komplette Tagestouren aus. Fahre zunächst weit ab vom Jakobsweg 40 Kilometer mit dem Bus nach Süden, nach “Palencia”, und von dort mit dem Zug etwa 70 Kilometer nach Nordwesten, so dass ich in Sahagún wieder den Camino unter mir habe. Das gefahrene Dreieck spart mir am Ende ziemlich genau 60 Kilometer Fussweg. Jetzt fehlt mir nur noch etwa ein Tag, um am errechneten Datum, dem 24. September, wirklich in Santiago anzukommen.

 Die Herberge Viatoris in SahagúnDie Herberge “Viatoris” in Sahagún ist empfehlenswert.
65 Plätze in einer ehemaligen Scheune, die Stockbetten sind durch Holzwände voneinander getrennt, die Luft ist gut, die Sanitäranlagen okay, das Vordergebäude sieht aus, als hätte der gute alte Hundert- wasser selbst bei der Gestaltung seine Finger im Spiel gehabt.

Die geschundenen Füße einer älteren Dame, die ich in der Herberge sehe, lässt mich kurz an der hervorragenden Qualität meiner eigenen Blasen zweifeln. Allerdings frage ich mich auch, wie sie den Camino mit ihren jemals zu Ende bringen will.

Und so gebe ich mir, 379 Kilometer vor Santiago, ohne Gesellschaft zu suchen und trotz der guten Planung etwas deprimiert, noch ein paar Stücke aus “Porz Gwenn” von Didier Squiban, einem Klavierspieler aus der Bretagne, der versucht Bilder seiner Heimat vor das Auge des Hörers zu zaubern, was ihm prinzipiell gut gelungen ist. Vielleicht die Voraussetzung für meine – Gute Nacht.