Ultreia! und Urlaub vom Pilgern?

Liebe Daheimgebliebenen,

in Portomarin herrscht am Morgen dicker Nebel, es ist aber sehr mild und es wird bestimmt noch ein schöner Tag. Über die ersten zwei Stunden des Weges kann ich nichts berichten. Zwar ging es, wie so häufig, an einer Landstraße entlang, aber der Verkehr war harmlos und die Pilger durften auf einen kleinen Weg neben der Asphaltstrecke ausweichen. Die einzige kurze Belästigung betraf meinen Geruchsinn, eine stinkende Geflügelfarm am Wegesrand war die Ursache.

Horreo im NebelZu sehen gab es außer dem dichten Nebel lange Zeit nichts. Lediglich das geheimnisvolle kleine Gebäude in der Morgensonne erregte meine Aufmerksamkeit (Bild). Diese Hórreos, häufig aus Granit gebaut, sind hier in Galicien sehr weit verbreitet und teilweise uralt. Sie werden als Aufbewahrungsort für Mais, Zwiebeln oder Kürbisse verwendet, um diese vor Nagetieren und Feuchtigkeit zu schützen.

Das langsame verschwinden der Nebelschwaden fällt etwa mit dem erreichen von Gonzar, bzw. von Hospital da Cruz zusammen. Hier scheint die Sonne dem Pilger auf den Bauch. Trotz der frühen Stunde sind die Stühle vor den Bars alle besetzt und die Wanderer sehen optimistisch und gut gelaunt aus der noch wenig verschwitzten Wäsche.

Kirche in PortomarinDer vor ihnen liegende kleine Rest der Gesamtstrecke ist sicher dafür verantwortlich. Die etwa 90 Kilometer bis Santiago, sind für jemand der schon 500 oder 600 davon hinter sich hat, eine überschaubare Menge. Man verspürt große Gelassenheit, hat inzwischen reiche Erfahrung und verfügt über das Wissen um die anstehenden Streckenprofile und wie damit umzugehen ist.

Ebenso individuell wie die Beweggründe der einzelnen Pilger, sind ja die Zeitfenster die sie zur Verfügung haben. Meine 25 Tage sind nun schon fast um, die meisten haben einen wesentlich längeren Zeitraum zur Verfügung. Diejenigen, die weniger Zeit haben, sind eventuell erst in Burgos (506 km) oder León (325 km) nach Santiago gestartet.

Allen gemeinsam war scheinbar das Gefühl des getrieben seins. Man ist nicht gestresst, verspürt aber schon den Drang – ja, Drang ist das richtige Wort dafür – immer weiter zu gehen. Auf dem Jakobsweg grüßen sich die Pilger heutzutage mit “Buen Camino“. Der uralte Pilgergruß (den niemand benutzt) lautet aber eigentlich “Ultreia“. Was so viel bedeutet wie vorwärts, weiter voran. Der lateinische Wortstamm ultra=’darüber hinaus’, ist darin nur unschwer auszumachen, ebenso wie der Drang den ich verspüre. Nur Leute die sich hier Verletzungen oder Krankheiten zuzogen, haben pausiert. Bisher habe ich keinen einzigen Menschen getroffen, der sich einen echten Ruhetag mit einem Buch in der Hand oder anderer Beschäftigung gegönnt hätte. Denn selbst Tage in Städten sind ja meist mit großer Aktivität ausgefüllt.

Hinter PortomarinIch konnte mir das selbst nicht vorstellen und lange Zeit führte ich in meiner Gesamtplanung zwei vorgesehene Ruhetag mit. Aber die tägliche Wanderung ist hier eine Selbstverständlichkeit, über die man nicht nachdenkt und deren Sinn man auch nicht hinterfragt. Den Spruch, vom Weg der das Ziel sei, habe ich schon an anderer Stelle bemüht. Seine Ziele mehr oder weniger hartnäckig zu verfolgen, wird dem Mensch ja schon in die Wiege gelegt.
Vielleicht war dieser kurze Ausflug in die Gesamt-Motivation und Mentalität des Pilgerns ganz interessant, trotzdem möchte ich wieder in die leicht nebligen Niederungen bei Hospital da Cruz zurückkommen.

Dort begegne ich erneut den beiden lustigen Norwegerinnen Kristin und Towe, die bei jedem unserer Zusammentreffen lässig in einer Bar sitzen. Mir ist nicht ganz klar, wie die beiden das bewerkstelligen. Vielleicht testen sie in Wirklichkeit die spanische Gastronomie und haben heimlich ein Auto um die Ecke geparkt. Bei unserem heutigen Gespräch geht es jedenfalls um den verspürten Drang und das oben geschilderte Pilgerverhalten.

Zum jetzigen Zeitpunkt bin ich auf dem Camino schon etwa 15 Kilometer weiter, als es meine Zielsetzung erwarten würde. Die Idee, die beste Ehefrau von allen könne deshalb eventuell einen Tag früher als geplant mit mir in Santiago zusammentreffen, wird in der Umsetzung nur von der Fluggesellschaft verhindert. Air Berlin kann keinen freien Sitzplatz in früheren Flügen zur Verfügung stellen. Diese Tatsache, und die vorher bewusst gewordene Verhaltensweise, bringen mich dazu, mir einen freien Nachmittag zu nehmen.

Nur sechs Kilometer hinter Hospital da Cruz kommt der Pilgerstrom zunächst durch Ligonde, wo eine sehr kleine und sympathische Herberge zum verweilen einlädt. Diese ist aber wegen der frühen Stunde, es ist gerade mal 12:30 Uhr, noch gar nicht geöffnet.

Nur ein paar Minuten später gelangt man nach Areixe. Hier laden zwei recht große Bars/Restaurants zum verweilen ein und auch hier gibt es eine neue Gemeindeherberge in der ehemaligen Dorfschule, in der ich schließlich strande. Das Dorf hat nur 35 Einwohner und eine daraus resultierende vernünftige Anzahl von Häusern.

Gelbe Pfeile gibt es überallEin bisschen Aufmerksamkeit erregt nur die trügerische Stille hier, sowie ein dicker alter Mann, der sich, offensichtlich schon mittags betrunken, in einem Garten neben der Herberge aufhält. So wie ihn habe ich nie zuvor jemand schlafen sehen. Er legte sich irgendwann seitlich auf die harten Steine der Terrasse, aber so, dass sein Kopf den Boden nicht berührte und auch ohne einen Arm unterzulegen. Zwischen seinem Kopf und den Steinplatten klaffte exakt der Abstand, der sich durch seine Schulterbreite ergab. In dieser Position verbrachte er gut eine Stunde, ehe ihn jemand holen kam und ins Haus führte.

Gestern habe ich davon erzählt wie angenehm es ist, gegen Abend in ein Restaurant zu gehen und die Pilger dort zu kennen. Durch meinen faulen Nachmittag, den ich eigentlich ganz fleißig mit dem Verfassen dieser Briefe zugebracht habe, wurde ich wieder aus meiner letzten Pilgerschar gerissen. Und so lerne ich heute zunächst Ernst und Joachim, zwei radfahrende Pilger aus der Ecke Koblenz kennen. Am Tisch sitzt außerdem Ute aus der Schweiz und eine ältere Frau aus Hamburg, deren Namen ich nicht weiss, die mir aber die verrückteste Geschichte erzählt, die ich bisher gehört habe.

Typische Mauer in GalicienSie ist eigentlich mit einer Freundin hier unterwegs, die beiden haben sich aber inzwischen aus den Augen verloren. Der namenlosen Frau ging das Geld aus und aus welchen Gründen auch immer, funktionierte ihre EC-Karte hier nicht. So musste sie telefonisch Hilfe in der Heimat anfordern und benötigte eine Geldanweisung. Eine derartige Anweisung kann man, laut ihrer Erzählung, aber nur in größeren Städten auf der Post entgegen nehmen. Deshalb fuhr sie mit einem Bus nach Santiago, holte dort Geld ab und ließ sich mit dem Taxi wieder zurück nach Portomarin fahren um die ganze Strecke dann nochmals zu laufen.

So sind sie. Die echten Pilger!

Erwähnung verdient hat sich hier in Areixe, die durch und durch motivierte Köchin des Restaurants. Dass wir ihre Fleischspieße und den Salat lecker fanden, hat sie scheinbar derartig erfreut, dass sie persönlich aus der Küche kam und uns zum Dessert noch Pfannkuchen mit Schokosoße und Sahne zuerst versprach und dann persönlich servierte. Dass das alles mit zwei großen Gläsern Bier und einem Café als Pilgermenü für 9,50 durchging schonte meine Kasse extrem.

Die tiefstehende Sonne konnte gegen die nahende Kühle der kommenden Nacht nichts ausrichten und so musste man sich hier recht früh zurückziehen. Wieder liege ich also in einem Stockbett und subtrahiere bis ich zum Ergebnis komme: es sind noch 80 Kilometer nach Santiago und ich erwarte hier wirklich eine – Gute Nacht.