Steine, Musik und Geschichten

Liebe Daheimgebliebenen,

aus diesem Refugio bin ich richtig geflüchtet! Mein viel zu kurzes Bett war ein Grund. Der zweite war die Tatsache, dass die Schlafstätte auch noch neben dem Eingang stand und sich scheinbar alle 19 anderen Pilger einen Spaß daraus machten, ab etwa 3:15 Uhr in regelmäßigen Abständen zur Toilette zu gehen. An Schlaf war kaum zu denken, um sechs Uhr war alles erträgliche überschritten und bereits um 6:40 Uhr stürzte ich hinaus ins Freie.

Das Cruz de FerroNatürlich unbedacht. Denn es herrschte noch vollkommene Dunkelheit. Okay – vollkommene Dunkelheit gibt es heute ebenso selten wie vollkommene Stille – vielleicht gab es also ein kleines bisschen Sternenlicht vom wolkenlosen Himmel. Aber lediglich die Tatsache, dass es noch andere Menschen gab, die nichts in ihren Betten hielt und die über Stirnlampen verfügten, verdanke ich den Umstand dies schreiben zu können und nicht mit gebrochenen Gliedmassen in einem Erdloch verschwunden zu sein.

Nach etwa einer Stunde, im Morgengrauen, werfe ich meine mitgebrachten Steine am “Cruz de Ferro” (Eisenkreuz) auf den dort bereits vorhandenen Steinhaufen. Der gläubige Pilger betet dazu: “Herr, möge dieser Stein, Symbol für mein Bemühen auf meiner Pilgerschaft, den ich zu Füssen des Kreuzes des Erlösers niederlege, dereinst, wenn über die Tatane meines Lebens gerichtet wird, die Waagschale zugunsten meiner guten Taten senken”.

Der Hügel am Cruz de Ferro mit dem Schrott und dem AutorDas Kreuz selbst ist nicht übermässig groß und steckt in etwa acht Metern Höhe in einem Holzpfahl, der in den letzten Jahren von Spaßvögeln schon mehrfach abgesägt wurde. Man sagt, dies sei ein wichtiger Ort auf dem Jakobsweg, und es ranken sich allerlei Vermutungen darum, was es mit dem Kreuz und dem Standort selbst auf sich haben könnte.
Sicher ist nur, dass die Pilger seit Jahrhunderten dort Steine ablegen. Ausserdem hat sich in neuerer Zeit die Unsitte eingeschlichen, an den Pfahl allen möglichen Schrott zu binden um den Inhalt des eigenen Rucksacks zu erleichtern. Von der Sonnenbrille bis zum Damenslip, Muscheln, Hüte, selbst Pfannen und natürlich kleine Flaggen aus verschiedensten Ländern der Welt findet man dort.

Viele Pilger sind von dem Ort trotz des herrlichen Lichts an diesem Morgen enttäuscht. Die geäusserte Vermutung, dass eigentlich sehr schöne kleine Steine aus aller Welt hier liegen müssten, erscheint logisch. Wenn man den staubigen Haufen betrachtet, der zum größten Teil aus Sand und Brocken besteht, die niemals ein Wanderer hierher geschleppt haben kann, so scheint ebenso klar, dass Einheimische, die mit dem Auto direkt hierher fahren können, schöne Steine wohl wieder abtransportieren. Der Brauch besagt nämlich, dass man einen Stein aus seiner Heimat mitbringen sollte.

Auch meine neue Freundin Ida (die Frau mit der ich kürzlich geschlafen habe) ist, als sie eintrifft, sehr frustriert von dem Anblick. Sie ist Reiki-Meisterin und hat seit Jahren einen rein platonischen Freund mit dem sie auf gleicher Wellenlänge ist. Dieser, so erzählt sie mir später, habe bei einem Urlaub in Österreich, an einem besonders energiegeladenen Platz, einen Stein für sie gefunden, den er ihr extra mitbrachte. Der Stein wog immerhin 509 Gramm und sie hat ihn mehr als 500 Kilometer weit bis hierher getragen um ihn nun auf so einem Dreckhaufen ablegen zu müssen.

Morgenstimmung509 Gramm sind wirklich sehr viel in einem Frauenrucksack, der eigentlich nicht mehr als acht oder maximal neun Kilo wiegen sollte. Es gibt Leute auf dem Jakobsweg, die nur Kopien ihres Reiseführers bei sich tragen und täglich die Blätter wegwerfen, mit Wegbeschreibungen darauf, die sie bereits hinter sich haben um den Rucksack leichter zu machen!

Frustrierte Frauen am Morgen sind schwer zu ertragen und so geniesse ich den Sonnenaufgang auf dem Berg, weiterziehend, lieber alleine. Der Weg deckt sich zwar auch hier auf dem Großteil der Strecke mit der kleinen Landstraße, aber auf einer Höhe von 1.500 Metern, nach einem verlassenen Dorf, gibt es keinen nennenswerten Verkehr.

Als ich Ida später wiedersehe, hebe ich ihre Laune, indem ich ihr die “Morgenstimmung” aus der Peer-Gynt-Suite von Edward Grieg aus meinem Kopfhörer verordne. Das wirkt Wunder! Die Landschaft ist herrlich und so lerne ich durch Ida auf dem Camino eine weitere Person kennen. Ida erzählt mir nämlich die Geschichte von Ilse, der Frau eines Diplomaten aus Hamburg.

Die Basilika in Ponferrada mit der Röhre durch die StadtDiese lebt die letzten Jahre ihres Lebens alleine in Spanien. Ein kleiner Fluss mündet in der Nähe ihres Hauses ins Meer, die Terrasse gibt den Blick frei auf ein herrliches Panorama einer kleinen Bucht, Strand und Wellen. Ida ist damals oft bei ihr zu Besuch, geht früh joggen, durch den Fluss, in die nächste Ortschaft und kauft beim Bäcker gerne noch heisses Baguett. Wenn sie zurückkommt, öffnet die stets in helle Töne gekleidete alte Frau ihr die Tür, bittet sie in ihren Salon mit der Terrasse davor, breitet die Arme zu ihrer Aussicht hin aus – nie bezahlt sie das Brot, nie sagt sie danke, nie etwas anderes als: “Ist das nicht schön?”

Und das ist auch genau die Frage, die wir uns kurz vor der Erzählung gegenseitig zeitgleich stellen, während wir die Aussicht geniessen. Eine schöne kleine Geschichte war es ausserdem.

Da wir ein sehr unterschiedliches Tempo gehen, trennen sich Idas und mein Weg allerdings bald wieder. Die kleine Stadt “Ponferrada” ist heute das Tagesziel, insgesamt 29 Kilometer entfernt. Der größte Teil der Strecke führt bergab, insgesamt 1.000 Höhenmeter. Was extrem anstrengend ist. Denn die Wege sind teilweise sehr steil und mit Steinen übersät auf denen es sehr unbequem ist zu gehen.

Als ich am Nachmittag die Stadt mit der Tempelritterburg und der Basilika endlich erreiche, bin ich körperlich vollkommen am Ende. Zum Glück finde ich recht schnell ein schönes kleines Hotel, bekomme ein ruhiges Doppelzimmer mit phantastischem Badezimmer und nehme zum ersten Mal seit etwa 12 Jahren ein entspannendes Vollbad.

In Ponferrada findet derzeit (bis November 2007) eine Ausstellung über den Jakobsweg statt, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Sie beginnt in der Basilika, führt durch eine Röhre, die auf Stützen etwa 500 Meter durch die Altstadt gebaut wurde und endet in der zweiten Kirche, der “Iglesias de San Andrés”. Ich war tief beeindruckt. Von den zusammengetragenen Kunstwerken ebenso wie von dem Gesamtkonzept der Ausstellung mit Audio- und Videoinstallationen. Ich bin sehr froh darüber mein Entspannungsbad wieder verlassen zu haben!

Leben in Ponferrada mit PilgernTrotzdem, nach dieser Wanderung brauche ich heute keine Gesellschaft mehr. Nur noch das Menü des Tages mit einer Karaffe Rotwein und danach und einen schiefen Blick in mein schlaues Buch um festzustellen: es sind noch 213 Kilometer nach Santiago. Dazu die Sicherheit im Doppelbett – das wird eine sehr Gute Nacht.