Schublade oder Suite!

Liebe Daheimgebliebenen,

der Aufbruch aus Astorga gestaltet sich erneut zur kleinen Völkerwanderung. Unter die zahlreichen “normalen” Pilger mischen sich nun zunehmend ganze Busbesatzungen aus Deutschland, Frankreich oder Spanien, die man an ihren leichten Rucksäcken, den Jakobsmuscheln, die sie nicht hinten am Rucksack sondern vorne auf der Brust oder dem Bauch tragen, und vor allem daran erkennt, dass sie sehr frisch gewaschen und parfümiert riechen.

Eine Anhäufung von Bars am WegesrandDiese Buspilger werden irgendwo “ausgesetzt”, wandern bis zu einem bestimmten Tagesziel, wo sie wieder eingesammelt und von dort wieder zu ihrem Quartier zurückgefahren werden. Am nächsten Tag beginnt das Spiel auf einer anderen Etappe von vorne. Manche dieser Buspilger, habe ich mir erzählen lassen, machen das Häppchenweise nun schon im zweiten Jahr, und werden erst im dritten Jahr in Santiago ankommen. Ich will das nicht werten, aber man kann am Ende sicher nicht von “seinem” Camino reden.

Das was alle Wanderer in den letzten Tagen nur schemenhaft am Horizont sehen konnten, rückt nun immer näher. Die “Montes de León”. Unser Tagesziel ist 27 Kilometer entfernt, liegt auf 1439 Metern Höhe und heißt “Foncebadón”. Ein ehemals verlassenes, jetzt wiederbelebtes Bergdorf mit 5 Einwohnern und drei Herbergen.

Eine Anhaeufung von GraesernNervigste Person des Tages war mit Abstand eine dynamische ältere Dame, vermutlich aus Bad Fallingbostel oder zumindest aus Nachrodt-Wiblingwerde, die, ebenfalls eine Vermutung, ihren soeben in den Ruhestand getretenen Ehemann aufs Fahrrad und den Camino gezwungen hat, frisch und heiter ab und an ihren kleinen, yoga-gestählten Hintern aus dem Sattel hebt um den verschwitzten Wanderern ein aufmunterndes “Ola” zuzurufen.
Und das am frühen Morgen.

In den ersten fünf Stunden führt fast der gesamte Weg neben einer wenig befahrenen Landstraße entlang. In Rabanal del Camino beginnt dann der Aufstieg nach Foncebadón durch Ginster, Heidekraut und Baumgruppen. Man kann wieder die Aussicht genießen und sieht nur noch vereinzelt Pilger. Eine wunderschöne Wanderung, musikalisch natürlich untermalt von meiner korsischen Lieblingsgruppe “I Muvrini”.

Die drei Herbergen in dem Bergdorf bieten zusammen etwa 65 Schlafplätze an. Da ich bisher nur gute Erfahrungen mit kleinen Kirchen gemacht habe (siehe Eunate und San Nicolas), fällt meine Wahl auf das kleine “Refugio Domus Dei” neben der ehemaligen Kirche des verfallenen Ortes. Leider ohne vorher das Bett zu vermessen. Dieses hier war das kürzeste in dem ich jemals eine Nacht verbringen musste. Dabei hat jeder einmal klein angefangen. Ich zum Beispiel als Baby!

FoncebadonDer Hersteller der Metall-Liege hat ein Bett produziert, dessen Außenmaß 1,90 Meter beträgt. Das Innenmaß muss exakt 1,86 Meter sein. Im Klartext: ich passe genau in die widrige Konstuktion. Okay – Sarglänge 1,86 wird mal genügen – aber noch lebe ich!

Der Rest des Tages dort oben war trotzdem sehr schön. Zuerst begegne ich Ida wieder, die, gerade im Gespräch mit einer anderen Person, versucht dieser mich vorzustellen, in dem sie sagt, als sie mich wahrnimmt: “Das ist der Mann mit dem ich heute Nacht geschlafen habe”. Dieser Ausspruch wird natürlich sofort zum geflügelten Wort und sorgt für allgemeine Erheiterung.

Ein junger Spanier sorgt in unserem Refugio ebenfalls für Gute Laune. Er erklärt uns, dass in Ponferrada (für viele von uns das Ende der nächsten Tages-Etappe) sehr viele Spanier “Ihren Camino” erst beginnen. Es sei also damit zu rechnen, dass danach der Andrang in den Herbergen größer werde. Aber das sei nicht so schlimm. Leute die von Ponferrada nach Santiago pilgern, würden im Himmel in eine kleine Schublade gelegt. Pilger die aus St.-Jean-Pied-de-Port kämen, würden dagegen eine Suite erhalten!

Nettes Restaurant in FoncebadonZum Abendessen versammelt sich ausnahmsweise ein rein deutscher Tisch. Zwei junge Damen und drei Herren, die allesamt meine Kinder sein könnten, testen mit mir das einzige Restaurant des Ortes. Man kredenzt dort Speisen und Getränke auf mittelalterliche Art und Weise. So werden die Getränke zum Beispiel ausnahmslos in Tongefäßen serviert. Ansonsten gibt es Fleisch satt auf einem gigantischen Grillteller, vorher eine leckere Gemüse-Masse mit Ei, danach ein ausgezeichnetes Dessert.

Wir sind alle sehr sehr zufrieden mit dem Verlauf des Abends und der Entfernung nach Santiago. Es sind jetzt nur noch 242 Kilometer. Und so wünschen wir uns gegenseitig eine Gute Nacht.