Pulpo a feira

Liebe Daheimgebliebenen,

ausser dem fehlenden Kopfkissen und weiteren unvorteilhaften Gegebenheiten ist schnell noch ein Schuldiger an meiner grauenhaften Nacht benannt: der zunehmende Mond. Denn leider hat der spanische Mond die gleichen negativen Auswirkungen auf meinen Schlaf wie der, der mich in Mittelfranken behindert.

Pilgergemälde in SarriaUm kurz nach sieben Uhr sind von mir schon sämtliche Jobs erledigt, die man als Pilger so hat. Ausser der morgendlichen Katzenwäsche auch das Tütenknistern und packen des Rucksacks. Wenigstens gibt es gegenüber des Klosters eine Bar die schon auf hat. Obwohl ich nun schon über drei Wochen unterwegs bin und mich in dieser Zeit mehr als 650 Kilometer Richtung Westen bewegt habe, merkt man die veränderten Zeiten von Sonnenauf- und untergang deutlich.

Auf Tageslicht muss man jetzt wesentlich länger warten. Es hilft also wenig früh auf den Beinen zu sein, man müsste auch besser ausgerüstet sein um in der Dunkelheit bestehen zu können. Zumindest sollte man über eine Stirnlampe verfügen.

Tiermarkt in SarriaDen Bars in Spanien fehlt es nicht an elektrischem Licht, und so schlage ich beim Frühstück in einer solchen ein bisschen Zeit mit Sigi und Hubert tot, einem Ehepaar dem ich hier schon mehrmals begegnet bin. Die beiden haben lange in Erlangen gewohnt, finden es nun aber im Tessin schöner. Was ich gut nachvollziehen kann.

Wegen der frühen Stunde bin ich der Ansicht, es könne an der Landstraße von Samos nach Sarria nicht allzuviel Verkehr herrschen, und verzichte deshalb, bisher wenig erleuchtet, auf eine Abzweigung des Camino, die mich zumindest zeitweise durch wilde Natur schicken würde. Ergebnis dieser Entscheidung: die annähernd 12 Kilometer nach Sarria enden scheinbar nie, die Autofahrer und Lkws sind überaus zahlreich und auch noch rücksichtslos. Vermutlich haben sie die verdammten Peregrinos auf “ihrer” Straße sowas von satt . . .

Sarria ist ein nettes Städtchen. So weit ich das beurteilen kann. Dank meiner guten Navigationsfähigkeit schaffe ich es recht schnell aus der neuen Unterstadt in die schöne Altstadt zu gelangen, die auf einem Hügel liegt. Leider verpasse ich dabei auch eine hilfreiche Einrichtung aus der Neuzeit: einen Bankomat. Wie schon in Samos ist es auch hier recht kühl und obendrein sehr neblig.

Ein Kessel voller PulposTrotzdem übersehe ich den Vieh- und Lebensmittelmarkt nicht, der dreimal im Monat nahe des alten Festungsturms stattfindet. Es gibt eine große Halle in der vom Feder- bis zum Rindvieh über Stallhasen und Schafe alles verkauft wird. Es wird lautstark gefeilscht und gehandelt.

Als feste Einrichtungen gibt es im Aussenbereich eine Vielzahl von ganz einfachen gastronomischen Einrichtungen, deren Mobiliar nur aus groben Bänken und Tischen besteht. Zusammen genommen können in all diesen Lokalitäten bestimmt 400 bis 500 Personen Platz finden.

So wird der Pulpo serviertSpeisekarten sehe ich keine. Gäste auch nicht. Aber es ist ja auch erst zehn Uhr morgens. Nur zwei Bauern die sich hier niedergelassen haben, um vielleicht einen gelungenen Handel zu feiern. Sie essen beide das scheinbar einzige, was es hier gibt. Pulpo a feira. Jedes Lokal verfügt über große Kupferkessel die mit Gaskochern befeuert werden. Darin werden die rötlichen Kraken in Wasser gekocht. Man kann jetzt nicht unbedingt sagen, dass diese lokale Spezialität besonders anziehend auf mich gewirkt hat, aber die beiden Bauern aßen mit großem Appetit einen ganzen Holzteller voll von den Krakenarmen, die ihnen die Wirtin mit einer Schere in Scheiben geschnitten, mit Öl beträufelt und mit grobem Meersalz und Paprika gewürtzt hatte.

Der Nebel lag immer noch über dem Gelände und trotz der frühen Stunde kam ich nicht umhin mir auch eine Portion zu bestellen, was trotz der Sprachbarriere nicht schwierig ist.

Eine kleine Portion Pulpo zum FrühstückAusser Brot und Wein gibt es nichts dazu. Wobei ich auf letzteren wegen der Uhrzeit verzichtet habe. War lecker – mit 8,50 nicht ganz billig (wenn man Pilgermenüs gewohnt ist), der Pulpo aber ganz zart, die Situation urwüchsig und sehr authentisch.

Auch in anderen größeren Ortschaften Galiciens gibt es die sogenannte Pulperías, so wie es in Nürnberg eben Bratwurststände gibt. Etwas verwunderlich finde ich nur, dass es derartiges nicht nur an der Küste, sondern auch im Landesinneren gibt.

Das Städtchen Sarria endet hinter Festplatz und Friedhof ziemlich unvermittelt und entlässt den Pilger bald in einen schönen Waldweg, wo er sich vom morgendlichen Stress der Landstraße erholen kann, bis er nach etwa vier Kilometern durch schönes Gelände in Barbadelo ankommt.

Bis hierher sind es seit Samos aber nur 16 Kilometer. Für die blasenlosen Füße eines inzwischen mit allen Wassern gewaschenen Pilgers recht wenig als Tagesleistung. Da geht man doch erst mal noch ein Stück weiter, nach Morgade und Ferreiros.

Corredoira - typischer Hohlweg in GalicienDie ganze Gegend ist malerisch, es gibt zahlreiche kleine Siedlungen und Dörfer. Sehr schön. Wirklich wichtig ist für den Wanderer auf diesem Streckenabschnitt aber ein Markierungsstein am Wegesrand, auf dem die Zahl 100 steht.

Der moderne Reiseführer in meiner Hosentasche findet die Angabe zwar lächerlich und behauptet, dort wo 100 drauf steht, wären noch 109 Kilometer bis Santiago drin, aber der Stein ist alt und ehrwürdig und ab sofort folgt alle 500 Meter ein weiterer dieser Steine, so dass wir wegen der neun Kilometer Differenz gnädig ein Auge zudrücken und den Countdown genießen.

Nur noch 100 Kilometer nach Santiago. Oder doch noch 109?Nach der Nacht im Kloster Samos habe ich mir vorgenommen so schnell kein Refugio mehr aufzusuchen. Und so lasse ich nach 24 Kilometern auch die Ortschaft Ferreiros links und rechts liegen, bevorzuge also die Distanz von weiteren neun Kilometern bis nach Portomarin. Was recht seemännisch klingt, mit dem Meer aber wenig zu tun hat. Wegen der vielen “Buspilger” in der Ortschaft bekomme ich nur mit Mühe ein Zimmer in einem Hostal. Aber es ist sauber, kostet nur 25 Euro, ist für mich alleine und liegt direkt am verkehrsberuhigten Hauptplatz des kleinen Städtchens.

Das schöne am Pilgerdasein ist die Möglichkeit sich (fast) jederzeit mit Menschen unterhalten zu können, die man kennt. Begibt man sich also an einem Etappenziel am Spätnachmittag in die Nähe eines Restaurants oder einer Bar, findet man sofort Gesellschaft, die man sich auch noch aussuchen kann. Mein Abend in norwegischer Damengesellschaft (auch mit diesen beiden Damen habe ich schon “geschlafen”) ist lustig und obendrein auch noch recht interessant, wie so vieles hier.

Zum einen erfahre ich, dass das alte Dorf Portomarin in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, wegen eines Stausees geflutet wurde. Gerettet wurden nur die beiden Kirchen des alten Ortes. Diese hat man Stein für Stein ab- und an neuer Stelle wieder aufgebaut. Aus diesem Grund tragen die alten Steine, aus denen die Kirchen gemacht sind, heute noch Nummern.

 Blick auf Portomarin - Stausee mit viel zu wenig WasserZum zweiten entgeht meinem feinen Gehör nicht, dass das Glockenläuten, das zur Abendandacht ruft, aus einem Lautsprecher kommt. Also entweder vom Band oder per Funkübertragung von einer anderen Kirche. Unglaublich, aber wahr! Und die dritte Besonderheit: hier kann man im Restaurant seine Bestellung auf deutsch aufgeben. Der Wirt hat 24 Jahre lang in Deutschland gearbeitet.

Von den paar Schlucken Wein, die ich im Verlauf des abends aus meiner Karaffe genommen habe (eigentlich nur um die Qualität des Getränks zu überprüfen und sicherzustellen dass die Damen aus Norwegen keinen Schaden nehmen) muss wohl der ein- oder andere zu viel gewesen sein. Die Endabrechnung des Tages gelang trotzdem recht schnell. Es sind noch 97,6 Kilometer nach Santiago und ich wünsche deshalb, ganz schnörkellos, allen Lesern eine Gute Nacht.