Pilgrimwalk und Interview mit einer Blase

Interview mit einer Blase

Pilger: Unglaublich! Wo kommst Du plötzlich her?

Blase (satanisch grinsend): Ich bin immer und überall vorhanden und derzeit dabei, die Weltherrschaft zu übernehmen.

Pilger: Die Weltherrschaft?

Blase (mit unschuldigem Blick): Natürlich, schauen
Sie sich hier doch einmal um. Wir sind international tätig. Schließlich bin ich nicht allein.

Pilger: Wie ist denn das zu verstehen?

Blase (gibt sich weltmännisch): Nun, sehen Sie, sie kleiner Pilger, hier sind Menschen aus aller Welt, die Schuhe aus aller Welt tragen. Noch keine Nation hat es geschafft, Schuhe herzustellen, die uns nicht auf den Plan rufen würden.

Pilger: Schwer vorstellbar, dass es gegen Deinesgleichen kein Mittel geben soll.

Blase (füllt sich gerade weiter und schmerzt deshalb noch mehr): Nennen Sie mir ein Forschungsinstitut, das gegen uns etwas unternehmen möchte. Im Gegenteil, wir arbeiten mit internationalen Konzernen sehr erfolgreich zusammen.

Pilger (entsetzt): Mit welchen Konzernen denn?

Blase (lehnt sich entspannt zurück): Zum Beispiel mit den Pflasterherstellern dieser Welt und diversen Schuhproduzenten. Gelegentlich mischen wir uns auch jetzt schon in die Weltwirtschaft mit ein. Sie haben sicher schon von den verschiedenen Spekulationsblasen gehört. Der BioTech oder auch der IT-Blase. Nicht zu vergessen den Bubble-Gum. Was wäre die Welt ohne Letzteren?

Pilger: Ich kenne aber ein probates Mittel gegen Ihre Überfüllung. Die Nadel.

Blase
(jetzt etwas ängstlich): Lassen sie nicht das Wasser ab. Das mit der Weltherrschaft war doch nur ein kleiner Scherz. In Wirklichkeit bin ich von der Schuhfeuerwehr. Sie wissen doch, wo Reibung ist, da entsteht Hitze. Und deshalb stehe ich sozusagen mit dem ersten Tropfen als Löschtrupp bereit. Bevor Ihr Schuh brennt….

Pilger (die Blase aufstechend): Jaja, Vielen Dank für dieses Gespräch!

Diese Unterhaltung wurde am Mittwoch, 5. September 2007 mit meiner ersten Blase aufgezeichnet, die ich seit dem Abend zuvor an meiner rechten Ferse habe.

Blick auf die Zwischenstation Najera

Ich befinde mich mit meiner Blase in guter Gesellschaft. Es gibt fast keinen Wanderer auf dem Jakobsweg, der nicht früher oder später eine dieser seltsamen Spezies aufweisen könnte. Und wenn man eine davon hat, dann geht man den sogenannten “Pilgrimwalk”.

Der geht so: Man steht auf. Tritt auf dem Fuß auf, an dem man keine Blase hat, setzt dann den geschädigten Fuß ebenfalls kurz auf, aber nur ganz kurz, verzieht vor Schmerz das Gesicht und wechselt möglichst schnell zurück auf den gesunden Fuß. Das ganze gibt ein lustiges Gesamtbild und man erkennt, selbst in Großstädten, die Pilger daran sofort. Speziell wenn sie vorher gesessen sind.

Zurückgelegt habe ich an diesem Tag nur 22,5 km. Von Navarette nach Azofra. Durch Weinberge, an der Autobahn entlang, durch ein Industriegebiet und die modernen Verzweigungen von Zufahrtsstrassen aller Art. Bekommen habe ich als Belohnung endlich mal Tapas in Najera und eben dort auch neue Socken von der Strumpffachverkäuferin meines Vertrauens.

Herberge mit Doppelzimmern in AzofraWenn man, wie ich, hin und wieder auf ältere kleine Französinnen hört, dann bekommt man eventuell gute Tipps. Mir wurde die fast neue Gemeindeherberge in Azofra empfohlen. Dort gebe es sogar 2-Bett-Zimmer. Zwar haben die Zimmer dann eher die Form von Zellen, aber man hat außer einem kleinen Bett sogar noch einen Schrank dort.

In der Herberge von Azofra kann man es aushalten

Mein Zellengenosse hatte sich dafür entschieden als Spanier geboren zu sein, hörte kurz in sich, stellte fest, dass er keiner anderen Sprache mächtig sei als seiner eigenen (Nada!), rollte sich in seinen Schlafsack und schlief schon am Nachmittag. Ich dagegen besuchte die lustige Kirchenschmückung.

Spanier im Allgemeinen werden ja ohne die Möglichkeit geboren, die Lautstärke ihrer Stimmen nach unten zu regulieren. Das ist zwar bedauerlich, scheinbar aber Tatsache. Vielleicht auch nur ein kleiner Konstruktionsfehler. Was der Spanier auch gerne hat, ist die Beschallung seiner kleinen Dorfkirche. So kann es also vorkommen, dass man Gregorianische Gesänge aus einem unsichtbaren Lautsprecher vernimmt, wenn man alleine in (oder sogar vor!) einer Kirche verweilt. Manchmal läuft auch andere Schwurbelmusik, esoterisch angehaucht.

Das Kirchenspektakel in Azofra

Die Kirche in Azofra begnügte sich damit nicht. Sie glich einem Tollhaus.
Es lief Gregorianischer Gesang. Ausserdem war das Mikrofon des Pfarrers auf dem Altar eingeschaltet aber heruntergefallen und stiess einen erbärmlichen Pfeifton aus. Manchmal knallte es auch richtig, nämlich dann, wenn eine Frau mit langem Wischmob, die um den Altar herumwischte, dagegenstieß ohne dies zu bemerken. Sie unterhielt sich derweil lautstark mit zwei weiteren Frauen und ebensovielen Männern.

Die beiden Hombres schienen ihres Zeichens Schreiner zu sein, jedenfalls übten sie sich darin, eine auf eine Art Sänfte montierte Jesusfigur auf ein ähnliches Gestell neuerer Bauart zu montieren. Da ihre Bemühungen nicht ohne weiteres vom gewünschten Erfolg gekrönt schienen, waren die aufmunternd klingenden Worte der drei Damen wohl eher hämischer Natur.

Die beiden noch nicht zur Vorstellung gekommenen Senoras gehörten offensichtlich zur Kirchengemeinde und klapperten mit viel Engagement mit ihren Pantinen in der Kirche herum, Blumenschmuck platzierend. Natürlich nicht ohne dabei zusätzlich Unmengen spanischer Worte zu verstreuen.

Das ganze Spektakel wurde über Lautsprecher übrigens auch auf den leeren Vorplatz der Kirche übertragen. – Wohin sonst noch, weiss ich nicht. – Mich tröstet die Tatsache, dass mein Zellengenosse still ist und  es nur noch 598 Kilometer nach Santiago sind. Aus dem Doppelzimmer sende ich deshalb eine gute Nacht.

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