Pasta in San Nicolas

Liebe Daheimgebliebenen,

üblicherweise wache ich hier etwa um sechs Uhr morgens auf. Heute gibt es aber auch eine Stunde später definitiv keinen Grund aufzustehen. Das Bett ist breit, sauber bezogen und die Ruhe im Haus ist sagenhaft. Ich will die fehlende Unruhe einer Herberge noch geniessen. Nur meine Blasen machen mir Sorgen.

Die Ruine von San AntonDa ich kaum mehr Bargeld habe, bleibt mir nichts anderes übrig, als mich trotzdem auf den Weg zu machen. So verabschiede ich mich von meinem 2-Tages-Begleiter Werner, und lasse ihn mit einer Tube Salbe aus meinem Gepäck in Hontanas zurück. Eine Schwellung am Fuss macht ihm das heutige Fortkommen einfach unmöglich.

Die Landschaft wird zunächst wieder etwas lieblicher, es gibt immerhin Bäume, die die Straße säumen und leichte Unebenheiten im Gelände, die für Abwechslung sorgen. Nach eineinhalb Stunden schmerzhafter Tortur erreiche ich die wohl sonderbarste Ruine am Camino, San Anton. Die Ruine ist die eines alten Klosters.

Das besondere daran ist die Straße, die mitten unter dem Bogengewölbe durchführt, das Kirche und Kloster verbindet. Diese Narretei ist dem Versuch der Straßenplaner zu verdanken, die Fahrbahn immer möglichst strikt der alten Pilgerroute folgen zu lassen.

Den Klöstern des Antonius-Ordens sagte man im Mittelalter Wunder nach, da dort Pilger von einer Krankheit geheilt wurden, die man “Antoniusfeuer” nannte. Pilger aus Nordeuropa waren in mageren Erntejahren häufig davon befallen, weil dort dann auch Roggen minderer Qualität zu Brot verbacken wurde, der von einem Parasiten namens Mutterkornpilz befallen war. Durch diesen wurden die Menschen krank.

Ein Blick zurückDie erwähnten Wunderheilungen bestanden lediglich in der Umstellung der Ernährung. Denn auf der iberischen Halbinsel war damals schon der Weizen die Grundlage des Brotes.

Mein Weg führte nach der Ruinenbesichtigung zwar noch durch eine sehr lang gezogene Ortschaft namens Castrojeriz, ansonsten waren 14 Kilometer Ebene, Stoppelfelder und Weite zu bewältigen. Kurz vor der kleinen Ortschaft “Itero de La Vega” erreichte ich mein Tagesziel. Dank eines Tipps der Südtirolerin Anni, die ich vor drei Tagen kennengelernt habe, beende ich meinen heutigen Weg an der kleinen Kirche “San Nicolas de Puente Fitero”.

Eines gleich vorab: diesen wohlklingenden Namen hat das gotische Kirchlein aus dem 13. Jahrhundert verdient. Auch wenn es von außen recht unscheinbar aussieht. Nicht mal einen Kirchturm gibt es. Aber einen kleinen Garten hinter der Kirche und ein zusätzliches Gebäude mit Sanitäranlagen, ein paar Rosmarinsträucher, blühende Blumen, ein paar Bäume. Eine Oase in der Öde der Meseta.

Kleine Kirche San Nicolas de Puente FiteroDieses Refugio mit nur zwölf Betten wurde von einer italienischen Bruderschaft aus Perugia vor einigen Jahren komplett renoviert und seitdem von Mitgliedern des Malteser-Ordens liebevoll geführt. Jeweils drei freiwillige Helfer aus unterschiedlichen Nationen tun für einige Wochen im Jahr “Dienst” am Pilger. Diese Leute opfern also teilweise ihren Urlaub um hinter uns Peregrinos her zu räumen. Das finde ich sehr beeindruckend!

Die Kirche ist auch innen sehr klein, es gibt rechts neben dem Eingang Platz für vier Stockbetten, also acht Personen. Den linken Teil der Kirche nimmt eine lange Tafel ein, an der etwa 14 Personen Platz haben, und auf die Länge des Tisches gibt es, vom Kirchenraum durch einen Vorhang abgetrennt, eine schmale Küchenzeile. Dort wo etwas erhöht einst der Altar stand, ist nun Platz um zehn bis zwölf Stühle im Halbkreis aufstellen zu können. Später werden dort Matratzen ausgelegt, um mehr Schlafplätze zu schaffen.

Das Innenleben der kleinen KircheIm Vordergrund steht hier die klare Struktur von festgelegten Zeremonien. Zur ersten Zeremonie, der symbolischen Fußwaschung, werden wir kurz vor 20 Uhr gebeten. Wir, das sind insgesamt zehn Personen. Eine junge Norwegerin, Martina, eine nette Kölnerin, Alicia, eine ältere Spanierin, Maria, eine Italienerin aus Florenz, Ulla, eine Finnin mit langen, schlohweissen Zöpfen, Clarissa, eine junge Wienerin, dann ein französisches Ehepaar und noch eine sehr beleibte Madame, ebenfalls aus Frankreich, und natürlich ich selbst.

Die drei Herren von der Bruderschaft haben sich kurze Schulterumhänge angelegt und bitten uns auf den Stühlen im Altarraum Platz zu nehmen. Während jeweils zwei von ihnen ein Gebet murmeln, wäscht der dritte immer den linken Fuss eines jeden Pilgers, indem er ihn mit Wasser aus einer Kanne übergiesst, danach wieder trocknet und symbolisch küsst. Damit ist der erste Teil beendet.

Wir dürfen nun an der festlich gedeckten Tafel Platz nehmen. Ein weißes Papiertischtuch zaubert Atmosphäre, ein übriges tun die Kerzenleuchter auf dem Tisch. Es gibt ohnehin keine Elektrizität in der Kirche selbst.

Die sehr introvertiert wirkende Italienerin Maria, die einigen der Anwesenden als Spezialistin für Gregorianischen Gesang vom Vorabend bekannt scheint, wird gebeten, zunächst noch etwas darzubieten, und so singt sie mit hoher klarer Stimme und einer Inbrunst, die ich lange nicht gesehen habe, ein mir unbekanntes gregorianisches Stück.

Ich bin beeindruckt!

Der festliche Tisch und die PilgerAuch von der Zwiebelsuppe die dann verteilt wird. Ich lobe den Koch ausdrücklich. Die Pasta danach war wegen der ungeplanten Gesangseinlage vermutlich zu lang im Topf, das störte das Gesamtbild des Abends aber keineswegs. Ein Dinner in solch phantastischer Atmosphäre und derart internationalen Teilnehmern kann es eigentlich nur am Jakobsweg geben. Wir unterhalten uns prächtig, geniessen das Ambiente und tauschen Erfahrungen aus.

Zum Abschluss des Abends singt Maria erneut ein Stück aus ihrem Repertoire und bereitet uns noch einen “Schlaftee” zu, aus Kräutern, die sie hier am Weg gesammelt hat. Nicht schlecht. Obwohl ich nun wirklich kein Fachmann für Tee bin.

Pilgersegen am nächsten MorgenAm nächsten Morgen werden die Herren wieder ihre Umhänge anlegen und die nächste Zeremonie durchführen: die Verabschiedung und Segnung eines jeden einzelnen Pilgers, der ihr Gast war. Aber so weit sind wir derzeit noch nicht. Erst wird geschlafen, 455 Kilometer vor Santiago. Gute Nacht.