Paradies für Trunkenbolde

Liebe Daheimgebliebenen,

wer von Eunate so energiegeladen weggeht wie ich, und sich zu Fuß etwa 30 Kilometer in grob westlicher Richtung bewegt, der kann was erleben. In erster Linie natürlich die Landschaft von Navarra, schönes Hügelland mit Wein- und Getreideanbau.

Neugierig wie der nächste Pilger aussieht?Dort hatte ich eine eher seltsame Begegnung mit “Marco”, einem etwa 27-jaehrigen Italiener, der, englisch sprechend, ein nagelneues, vollgepacktes Fahrrad auf einem Weg schob, der eigentlich nicht für Fahrradfahrer gedacht ist. Von mir danach befragt, warum er das denn tue, klagte er mir sein Leid. Er könnte nicht so viel laufen wie wir richtigen Pilger. Unter den Fahrradfahrern fühle er sich aber auch fehl am Platz, denn dafür sei er nicht schnell genug und außerdem möchte er den “richtigen” Jakobsweg fahren. Und so schiebt er täglich einige Kilometer, auch um mit den Pilgern ins Gespräch zu kommen.

Im nächsten Dorf erblickte er aber eine alte Kirche (was in Spanien an sich nichts besonderes ist), murmelte etwas davon, dass Teile der Kirche romanischen Baustils seien, was wiederum very interesting sei, und verschwand. Vermutlich Architektur-Student. Obwohl ich ihn nie mehr wiedersah, kennen und mögen ihn viele Leute auf dem Camino. Er ist also die Ausnahme von der Regel was die Liebe zu den Radfahrern angeht.

 Puente La Reina - Danke an Ernst fuer das FotoMein Weg führte heute durch Obanos, dann über eine uralte Brücke aus dem 11. Jahrhundert, nach der auch der Ort benannt ist in dem sie steht, “Puente la Reina” (Danke Ernst für das Foto). Dann durch Maneru und Cirauqui. In zweien dieser Orte habe ich offensichtlich eine Fiesta der besonderen Art verpasst. Wie in Pamplona werden nämlich auch in anderen Ortschaften Navarras die Stiere durch die Dörfer getrieben. Wie und vor allem warum das gemacht wird, darüber kann ich leider keine Auskunft geben. Ich habe nur die Spuren und massiven Absperrungen in den noch totenstillen Dörfern gesehen. Vielleicht kann ja ein Leser hier mal einen Kommentar zu dem Thema schreiben . . . das geht . . . man muss sich nur anmelden!

Die Frage “wohin” ich auf dem Camino heute gehen werde, ist noch offen. Bei der sehr herzlichen Verabschiedung von Jean heute früh, habe ich als Auskunft nur gegeben: nach Santiago. Was ja im Prinzip stimmt.

Ortschaft im Morgenlicht

Umso mehr erstaunt mich alsbald eine kleine Gruppe junger Kanadier, die etwas hilflos um eine junge Frau herumstehen, die mitten auf dem staubigen, steinigen Weg sitzt und nur immer wieder ausstößt: “I´ll go back, i´ll go back”. Nanu? Aufgabe schon bei Kilometer 107? Obwohl die Tagestour auch immer wieder in der Nähe der neuen Autobahn verläuft, ist sie nicht so schlecht, dass man schon aufgeben müsste.

Das Wetter ist angenehm mild, nicht zu heiß, sogar für die Versorgung der Pilger ist gesorgt. So gibt es immer wieder Rastplätze mit Tischen und Bänken, oft mit Wasserstellen. Entweder frisches Quellwasser – wenn man Pech hat gibt es nur leicht gechlortes Leitungswasser, das man hier in Spanien überall bedenkenlos trinken kann. Infrastruktur nennt man das ganze wohl.

Ich schaffe an diesem Tag 34 Kilometer. Wie es bei Kilometer 31 aussieht, kann jeder im Internet anschauen. Dort ist nämlich, einige Kilometer hinter der Stadt “Estella”, eine Bodega, also eine Weinkellerei, die an die Pilger kostenlos Wein ausschenkt. Ein bisschen wie Schlaraffenland.

In einer Wand eingelassen gibt es zwei kleine Zapfhähne aus denen tatsächlich Rotwein und Wasser rinnen. Die Bodega hat natürlich ein wachsames Auge darauf, dass dort nicht zu viel von immer den gleichen Personen gezapft wird und deshalb gibt es dort eine Überwachungskammer.
Und auch eine Webcam die auf den Ausschank gerichtet ist.

Die Information, dass diese Bodega auch ein Hotel in der Nähe betreibt, kann ich nicht bestätigen. Und so kehre ich alsbald um, laufe drei Kilometer nach Ayegun zurück und übernachte in einem modernen Sportzentrum, das auch als Pilgerherberge dient. Dort kann man für sechs Euro mit sechzig anderen in einem Saal voller Stockbetten übernachten.

Wer´s mag. So 681 km vor Santiago. Ich nicht. Aber wat mut, dat mut. Trotzdem allen eine Gute Nacht.

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