Oekolodschig Fuuud

Liebe Daheimgebliebenen,

den Weg aus Ponferrada heraus zu finden, fällt mir so leicht wie die Orientierung an jedem Tag hier. Deshalb stelle ich die Überlegung an: Der Weg verläuft scheinbar immer genau unter mir. Vielleicht sind wir auch eins. Der Weg und ich. Wenn aber der Weg das Ziel ist, wohin gehe ich dann?

Kleine Weinprobe nach dem RegenIst das ein Koan? Ein Koan ist eine scheinbar unsinnige Frage die Zen-Meister ihren Schülern stellen und diese meditieren dann darüber, oft sogar jahrelang, um die Antwort zu finden.

Sich auf dem Jakobsweg zu verlaufen ist fast unmöglich. Die schon erwähnten gelben Pfeile sind als Markierung fast allgegenwärtig, in Städten gibt es meist zusätzliche Hilfen, zum Beispiel Muschelsymbole auf den Gehwegplatten. Die Beschreibungen eines Reiseführers, wie denn der Weg heute verlaufen wird, benötigt kein Pilger. Höchstens die kulturellen und allgemeinen Infos sind in solchen Büchern wichtig, oder die Angaben zum Höhenprofil des Tages.

Trotzdem gibt es hin und wieder Wanderer die vom Weg abkommen. Die Frage nach dem “warum” lässt sich vermutlich nur mit Psychologie beantworten. Mich erfüllt auch an scheinbar zeichenlosen Gabelungen große Sicherheit wie es weitergehen wird.

Die Wanderung des Tages, die über 26,5 Kilometer nach “Villafranca del Bierzo” führen soll, wird nach zwei Stunden von einem kurzen Gewitter unterbrochen, das sich gestern schon durch fernes Grummeln und dicke Wolken angekündigt hatte. Mein erster Regen hier. Zu sehen gibt es auf dem Weg jede Menge wenig befahrene Landstraße, viele Kirschbäume und später Weinanbau. Insgesamt eine sehr grüne Gegend.

Die Herberge Ave Fenix in VillafancaDen Ort Villafranca nannten die Pilger im Mittelalter auch “Klein-Compostela”, da Kranke und Schwache, die ihre Pilgerreise nicht fortsetzen konnten, dort an der sogenannten Gnadenpforte der “Iglesia de Santiago” den gleichen Ablass erhalten konnten wie später am Apostelgrab in Santiago de Compostela. Ihren Namen verdankt die kleine Stadt übrigens französischen Siedlern (Villa de francos).

Die Herberge “Ave Fenix” , gleich neben der Santiago-Kirche, macht einen recht symphatischen Eindruck. Dass man die Toilettentüren nur mit Schnurschlaufen, die man über Nägel oder Schrauben zieht, verschließt, ficht mich nicht an. Dass sich die Wasserhähne fast einmal um die eigene Achse drehen lassen – was solls. Dass das Dach undicht ist, hat immerhin schon jemand bemerkt. Zwei Handwerker sind mehrere Stunden damit beschäftigt Pause zu machen und nageln irgendwann, laut singend, sogar ein paar neue Bretter fest. Ich nehme an das hilft.

Es gibt nette Einrichtungen hier. Zum Beispiel einen Raum für Schnarcher und einen für Männer über vierzig! Die Personen, die sich in letzterem bereits breit gemacht haben, sind mir zu deutsch und so wähle ich lieber ein Bett im großen Schlafsaal – ganz hinten – neben zwei netten Damen aus Norwegen. Das ganze Haus ist sehr rustikal, hat im Garten eine Wasserstelle mit Teichartiger Pfütze davor, daneben wird Mülltrennung in drei farbigen Behältern betrieben. Sitzgelegenheiten gibt es im Aussenbereich leider nur für circa sechs Personen. Bei 80 Betten. Aber es gibt Waschmaschine und Internet!

Der Fachmann für undichte DächerDer Herbergsvater behauptet er sei achtzig, ist aber sehr fit und vor allem ein grandioser Erzähler und Verkäufer. Für die Übernachtung nimmt er sechs Euro. Für weitere sechs Möpse kann man ein Abendessen dazubuchen. Dies besteht nach seinen Worten voraussichtlich aus: Garlicc-Soup (Knoblauchsuppe), baken eggs, salad and bread. And for dessert we have fruits. “It’s a very oekolodschig fuuud”, versichert er mir.

Auf sowas stehe ich! Also zahle ich in freudiger Erregung den Zusatzobulus und konserviere mein Hungergefühl bis 19:30 Uhr, indem ich aus der Kiste, die ich auf einer Bank in der Ecke entdeckt habe und über der ein Schild hängt “GRATIS”, nur einen kleinen wurmstichigen Apfel zu mir nehme.

Zum Dinner finden sich dann etwa 18 Personen unterschiedlicher Nationalität ein. Alle haben sich fein gemacht. Ich selbst hab’ mein sogenanntes “kleines Schwarzes” angelegt, ein schwarzes Poloshirt, das ich zuhause noch schnell eingepackt habe, nur für den sehr unwahrscheinlichen Fall, dass ich mein Zweithemd verlieren sollte.

Mir gegenüber sitzt Bernardo, ein 52-jähriger Kapitän zur See. Er hat jahrelang die Weltmeere befahren, arbeitet nun aber im Hafen von Barcelona und hat “seinen Camino” erst heute in Ponferrada begonnen. Neben mir sitzen zwei ältere Damen aus Schweden, eine soeben in den Ruhestand versetzte Pastorin mit ihrer tauben Freundin, dazu ein nettes Ehepaar aus dem Osten unserer Republik und verschiedene andere Leute aus diversen europäischen Ländern.

Schuhwerk in der HerbergeDie Garlic-Soup verdient ihren Namen und ist nach der Zugabe von reichlich Salz und Pfeffer repariert. Grauenhaft nur die alten Baguettscheiben, die vollkommen matschig als Einlage in ihr schwimmen. Diese Konstistenz ist eigentlich unzumutbar. Am Nebentisch werden bereits die beidseitig gebratenen Spiegeleier verteilt, für jede Person soll es zwei Eier geben. Dem Salat fehlt nur etwas Essig und Öl. An unserem Tisch ergeben verschiedene mathematische Gleichungen immer wieder das selbe Ergebnis: Wir erhalten jeder nur eineinhalb Eier. Nachschlag nicht möglich. Das Dessert besteht exakt aus den kleinen, wurmstichigen Äpfeln aus der Gratis-Kiste. Wein kann extra gekauft werden. Die Flasche Rosé für drei Euro.

Wir unterhalten uns prächtig, nehmen das ökologische Moment in der Mahlzeit durchaus zur Kenntnis und den Rest mit Humor. Allerdings stehen wir künftig jeder Ankündigung von “oekolodschig fuuud” sehr skeptisch gegenüber. Europaweit!

Wenigstens liegt mir das Essen nicht schwer im Magen. Ich kann also morgen beschwingt starten. Denn es sind nur noch 187 Kilometer nach Santiago und nachdem das Dach dicht ist, wird es vielleicht sogar eine Gute Nacht.