Nordic Walking ohne Stöcke in Navarette

Liebe Daheimgebliebenen,

der gestrige Abend im Sportzentrum wurde noch ganz lustig. An meinem Tisch saßen drei Herren aus Italien in knallgelb/blauen Radfahrertrikots mit zeitgemäßen Beschriftungen. Der jüngste war 72, der älteste, dieser kam schon etwas klapprig daher, war 76 Jahre alt.

Die drei sprachen nur italienisch, dies aber in einem Dialekt, der mich wirklich nur wenige Worte erkennen ließ. Um so lauter versuchten sie ihren Bedürfnissen Ausdruck zu verleihen. Wie laut sie zum Beispiel dem Wirt in der Sportgaststätte klar machten, dass sie ihre Spaghettis gefälligst “al dente” wollen, war schon beeindruckend und kam auch so in der Küche an.

Im Verlauf des abends erfuhr ich, dass sie schon seit 4. August mit den Rädern unterwegs seien, aus der Gegend von Mailand kämen (wobei sie sich nicht einigen konnten wo denn auf meiner grob skizzierten Italienkarte Mailand überhaupt liegt), nun nach Santiago wollten, und irgendwann, von Lissabon aus, wieder heim fliegen wollten. Die Erklärungen waren gespickt mit hämischen kleinen Winken auf den “Alten” in ihrer Mitte. Wenn es dieser noch so weit schaffen würde . . . !

Durch die günstige Lage der Herberge konnte ich meinen ausgeheckten Plan am Morgen fortführen.
Das Rathaus hinter der Bushaltestelle in dunkle Wolken und Sonnenschein getaucht
Da die beiden kommenden Tagestouren zwar nicht unbedingt zu den landschaftlich reizlosen gehören, die Strecke aber trotzdem häufig entlang der Nationalstrasse führen sollte, standen als nächstes 37 km Busfahrt nach Viana an. Der Bus startete nur 300 Meter von meiner letzten Schlafstätte.

Mit etwas schlechtem Gewissen zahle ich die günstigen 2,70 Euro, bin aber gleich unter meinesgleichen. Im Bus sitzen bereits mindestens zehn Pilger die offensichtlich ähnliche Pläne haben wie ich. Vielleicht haben manche auch Sorge wegen des Wetters. Eines kann ich Euch versichern: wenn in unseren Breitengraden derart dunkle Wolken am Himmel zu sehen sind wie hier, dann regnet es auch. Und zwar wie aus Eimern. An diesem Tag dagegen ist die Wolkendecke nie ganz geschlossen und so gibt es Stellen wo die Sonne durchscheint und irgendwo regnet es wohl doch, denn ich sehe auf der Busfahrt oft mehrere Regenbogen gleichzeitig ohne, auch später, selbst einen Tropfen abzubekommen.

Viana ist eine hübsche alte Stadt mit großen Bäumen vor der Kirche und der daran anschließenden Plaza Mayor mit dem kunstvoll gebauten alten Rathaus. Auch hier fand offensichtlich erst vor kurzem ein “Bullrun” durch die Stadt statt, was mir die Dame vom Touristenzentrum auch bestätigt.

Vielleicht hätte ich gleich weiterfahren sollen nach Logrono. Denn der Weg ist nicht besonders schön und führt auf den letzten fünf Kilometern wieder an der Nationalstrasse entlang – auch noch durch ein Industriegebiet.

Ein sehr seltsames Grab in LogronoEbenso wie ich gehen viele Pilger diesen Weg hinunter zum Ebro nur um einen bestimmten Stempel in ihren Credencial zu bekommen, den es seit vielen Jahren dort bei einer Privatperson abzuholen gibt. Die Aufschrift lautet “Higos – Agua y Amor”. Also “Feigen, Wasser und Liebe”.

Logrono selbst, wesentlich größer als ich dachte, ist die Hauptstadt der Weinregion “La Rioja”, hat natuerlich eine gigantische Kathedrale und auf dem Hauptfriedhof das närrischste Grab, das ich jemals gesehen habe. Und ich war schon in einigen Ländern auf vielen Friedhöfen! Zuerst dachte ich, dort muss Salvador Dali begraben liegen (siehe Foto links).

Logrono wieder zu verlassen brachte auch nicht das gewünschte Prickeln in mein Pilgerleben. Neubaugebiet, Autobahnkreuz, Auto- und Möbelhäuser und irgendwann der Wechsel in ein Naherholungsgebiet mit Stausee. Dort winkt mir eine kleine, ältere Französin zu, als würden wir uns schon ewig kennen. Vielleicht freut sie sich aber auch nur, nicht alleine hier gestrandet zu sein.

Nach gelaufenen 23 Kilometern bin ich endlich in einer kleinen Stadt namens Navarette, die von Weinbergen umgeben, nett auf einem Hügel liegt. Die Gemeindeherberge ist voll und so ziehe ich in eine private, die wenigstens äußerst massive, zwei Meter lange und ein Meter breite Stockbetten aus Holz vorzuweisen hat und die sanitären Einrichtungen dort sind wunderbar! Mit zehn Euro ist man dabei.

Die Aussicht in Navarette
Das beste an Navarette ist aber die Tatsache, dass man den Hügel komplett erklimmen kann und dann nicht etwa vor einer Burg, einer Kirche oder dem Friedhof steht. Nein – in Navarette gibt es am höchsten Punkt eine Wiese, Bäume, Spielgeräte für Kleinkinder und mehrere Bänke die im Kreis aufgestellt sind. Man kann also je nach Tageszeit oder gewuenschter Aussicht die Bank wechseln, ohne sich weit bewegen zu müssen, was von den alten Männern des Dorfes reichlich genutzt wird.

Der entstandene Rundkurs um die Bänke dort oben dürfte nach meiner Schätzung 300 Meter lang sein. Und so kam es, dass, während ich dort saß und die Aussicht genoss, bestimmt 20 Frauen in Kleiderschürzen oder anderer häuslicher Nutzkleidung, meistens paarweise auftauchten und die Neuigkeiten des täglichen Fernsehkonsums austauschten (es fiel unter anderem der Name Brad Pitt) und dabei Nordic Walking betrieben.

Sie gingen schnell. Manche sogar in Sportschuhen. Sie machten die richtigen Armbewegungen. Sie nahmen die Breite des Weges für sich in Anspruch. Sie verzichteten nur auf die Stöcke und den Rest der Ausrüstung.

Ich selbst werde zuerst neben der kleinen Französin vom Stausee schlafen und meine Ausrüstung morgen wieder komplett tragen. Es sind ja nur noch 621 km nach Santiago. Laufen macht müde. Manchmal auch das zusehen. Deshalb: Gute Nacht.
Ob das was wird mit der Guten Nacht?

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