León in FlipFlops

Liebe Daheimgebliebenen,

heute geht es meinen Füssen wieder ganz gut und so sind die ersten 18,5 Kilometer bis nach “Mansilla de Los Mulas” schon um halb zwölf Uhr mittags unter meinen Schuhen durchgelaufen.

Auf dem Weg nach Mansilla de Las MulasZwar bin ich immer noch in der Meseta, aber die Strecke geht heute an einer wenig befahrenen Landstraße entlang, die von Bäumen gesäumt ist. Ausserdem gibt es riesige Maisfelder, die noch nicht abgeerntet sind. Das Grün tut den Augen gut und das Farbenspiel des Sonnenaufgangs ebenso.

Der letzte positive Punkt der mir heute gefällt, sind die anderen Pilger, die wie Perlen auf einer Schnur vor und hinter mir unterwegs sind. Keine Einsamkeit mehr. Tag der Oper. Verdis Aida unterhält mich heute. Zwar sollte der Triumphmarsch erst den Einzug in Santiago begleiten, war mir aber nicht sicher ob er im ersten oder im zweiten Akt vorkommt. Es ist der erste!

Von vielen anderen hier auf der Strecke habe ich die Information, wie lästig der Weg durch das Industriegebiet von Burgos war. Der Großraum Leon wird sich sicher auch nicht von seiner Schokoladenseite zeigen und so steht für mich fest: Leon werde ich von Mansilla de Las Mulas aus mit dem Bus anfahren (17 km) und auch wieder so verlassen (9 km). Danach wird Schluss sein mit Bus und Bahn. Versprochen!

Glasmalerei in der Kathedrale LeonObwohl mir seit meiner ersten Nacht im Refugio von Roncesvalles nichts menschliches mehr fremd ist, ist mein Bedarf an Herbergen nach der letzten Nacht vorläufig gedeckt, und so ist ein Hotelzimmer in der Nähe der Kathedrale schnell gefunden.

Stierkampf findet auch hier leider keiner statt. Schon in Pamplona, Logrono oder Burgos hätte ich Geld dafür ausgegeben. Nun muss ich mich weiterhin mit Szenen aus Sevilla oder Madrid begnügen, die in allen Bars vom Frühstücksfernsehen zigmal wiederholt werden und einem vor Augen führen, welchen Stellenwert die Toreros beziehungsweise die Matadoren in der spanischen Gesellschaft haben. Definitiv Superstars!

Für den Aufenthalt in einer spanischen Bar kann ich mich stets begeistern. Sei es zum Frühstück, wo in einer oder sogar zwei Ecken der Fernsehappart läuft, oft auch mit abgedrehtem Ton, dafür spricht ein Mensch aus dem Radio, natürlich vollkommen asynchron, was mich lange Zeit verwirrt hat. Die Bar ist defacto spanisches Leben. Auf dem Land ganz besonders. Vom Morgen bis zum Abend trifft man sich hier, die Alten ebenso wie die Jungen. Herrliche Gestalten gibt es hier zu sehen und wie man hier mit den kleinen Servietten, Nussschalen und Zigarettenstummeln umgeht, wäre in Deutschland undenkbar.

Als Pilger ist man heilfroh, wenn man seine Wanderstiefel nach einigen Stunden ausziehen kann. Da der Rucksack normalerweise wenig Alternativen bietet was das Schuhwerk angeht, landet man früher oder später bei FlipFlops. Leicht zu tragen, praktisch in jedem Duschraum. Praktisch auch in der Großstadt. Da kommt Luft an die Blasen, was den Heilungsprozess fördert.

Einige meiner Familienmitglieder und Freunde werden aufstöhnen wenn sie dies lesen, denn ich mag eigentlich gar keine FlipFlops, und hasse Touristen abgrundtief, die schlecht gekleidet durch ferne, fremde Städet laufen. Sei es die Touristin mit kurzen Hosen und freien Schultern, die in Istanbul eine Moschee besucht und dort religiöse Gefühle verletzt, seien es Männer, die mit nacktem Oberkörper auf dem Markusplatz in Venedig herumstehen. Dort gibt es inzwischen schon Hinweisschilder, die derart legères Verhalten verbieten möchten! Mein einziger Trost ist, dass es in León viele Touristen mit ähnlichem Schuhwerk gibt. Peregrinos eben. Ich entschuldige mich hiermit trotzdem bei den Einwohnern der Stadt für mein inakzeptables Schuhwerk.

Die Casa Botines des Architekten Antonio GaudiLeón hat eine sehr schöne alte Innenstadt, die in Gelb- und Ockertönen gehalten und verkehrsberuhigt ist. Neben der Kathedrale sticht dem Tourist sofort die “Casa Botines” ins Auge, ein von dem eigenwilligen Architekten Antonio Gaudi gestaltetes Wohnhaus einst bedeutender Händler. Heute natürlich Sitz einer Bank.

Wie in León mit der Kathedrale umgegangen wird, nervt mich schon nach kurzer Zeit total. Überall Verbotsschilder, unmengen Führungen, die sich an Lautstärke gegenseitig überbieten und Teile der Kirche sind abgesperrt. Man findet kein ruhiges Plätzchen, beeindruckt haben mich somit nur die phantastischen Glasmalereien. Etwa 1.900 Quadratmeter sollen das sein.

Da hat es mir ganz alleine im Nationalheiligtum der Spanier, dem “Panteón real” mit den Deckenmalereien aus dem 12. Jahrhundert, wesentlich besser gefallen. Auch wenn mir meine FlipFlops dort richtig peinlich sind!

Deshalb ziehe ich mich recht früh und diskret aus dem Stadtbild von León zurück, lege mich, 325 Kilometer vor Santiago in das wunderbare Hotelbett und telefoniere eine Stunde lang mit der besten Ehefrau von allen. Bis sie irgendwann sagt – Gute Nacht.