Jeder lange Weg beginnt mit dem ersten Schritt

Liebe Daheimgebliebenen,

wenn man einen erfahrenen Spanier fragt, wo der Jakobsweg beginne, erhält man im allgemeinen eine Antwort die etwa so lautet: Der Weg beginnt vor Deinem Haus. Der Jakobsweg ist also in erster Linie eine Idee. Nicht automatisch eine bestimmte Strecke die von A nach B führt.

Im Mittelalter gab es eine sehr große Volksbewegung auf dem Camino, vieles war im Auf- oder Umbruch. Zahlreiche Einrichtungen für die Betreuung und Begleitung der Pilger entstanden: Klöster, Herbergen, Hospitäler, Gasthäuser und Kirchen. Für die Orte entlang der Routen bedeutete der Pilgerstrom einen neuen, wirtschaftlichen Segen. Den Jakobsweg gibt es schon seit Jahrhunderten.

Ich selbst habe erstmals bei ein paar Wandertagen in den Pyrenäen, mit Jochen und Werner sechs Jahre zuvor davon gehört. Die Idee, den Weg selbst zu gehen, trage ich also schon recht lange in mir. Trotzdem wird sich vielleicht mancher, der “meinen Camino” hier verfolgt hat, fragen: warum pilgert man heute noch? Und was bedeutet es überhaupt – zu pilgern?

Das Wörterbuch leitet den Begriff “Pilger” von dem althochdeutschen “piligrim” ab. Natürlich hat auch dieses Wort einen lateinischen Stamm. Peregrinus bedeutet: aus der Fremde kommend, aus dem Ausland stammend, – oder auch nur “der Fremde”. Der Begriff Perigrinatio ist also der Zustand des Fernseins, der Abwesenheit. Im religiös-christlichen Verständnis ist jeder Mensch ein Pilger – ein Mensch, der lebenslang auf der Suche nach Antwort ist auf die Fragen: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Generationen von Philosophen haben sich darüber ebenfalls den Kopf zerbrochen.

Wenn man versucht den religiösen Moment auszublenden, bleibt auf jeden Fall eine Erfahrung der Einheit Mensch. Man lernt wieder, dass ich der Körper, der Geist und die Seele bin. Und sie nicht nur als unabhängige Teile habe. Ich bin vielleicht nur als ‘Leib’ unterwegs – Seele und Geist kommen aber ebenfalls in Bewegung und entdecken sich neu. So viel zu diesem Thema.

Das Grab des Apostels das die Pilger berühren

Genau die richtige Zeit für mich, in Bewegung zu kommen, war heute um kurz vor acht Uhr. Als letzter lasse ich die Tür unseres herrlichen Domizils hinter mir ins Schloss fallen. Sigi, Hubert und Aase sind schon verschwunden. Auf leisen Sohlen haben sie sich davon gemacht um mich nicht zu stören.

Der Weg nach dem Frühstück ist unspektakulär, die restlichen 13 Kilometer nicht der Rede wert. Natürlich komme ich am Monte do Gozo vorbei und muss wie alle anderen in das Stadtgebiet von Santiago vordringen. Dabei habe ich noch genug Zeit mir die ganzen Sagen und Legenden in Erinnerung zu rufen, die sich um den Heiligen Jakobus ranken.

Das Grab des Apostels das die Pilger berühren

Jakobus (der Ältere – span. “Santiago” – bis ca. 44 n. Chr.) war einer der zwölf Apostel von Jesus. Er gehörte mit seinem Bruder Johannes, Andreas und Simon Petrus zu den erstberufenen Jüngern. Nach der Auferstehung Jesu befand sich Jakobus mit den anderen Aposteln in Jerusalem. Unter Herodes wurde er mit dem Schwert hingerichtet. Sowohl das Markus- wie auch das Matthäus-Evangelium erwähnen seinen gewaltsamen Tod.

In Spanien ranken sich besonders zahlreiche Legenden um ihn, weil er der Apostel gewesen ist, der nach der Himmelfahrt Jesu’ auf der Iberischen Halbinsel predigte und missionierte. Er soll eigene Jünger mit der Prophezeiung angeworben haben, dass er nach seinem Tod noch Unzählige bekehren werde. Während der Reise hatte er jedoch so wenig Erfolg, dass er eines Tages, laut Überlieferung mutlos und verzweifelt, auf Höhe des heutigen Zaragozas am Ufer des Ebros gesessen, und den Entschluss gefasst hätte, die Mission abzubrechen. Dort sei ihm aber die Jungfrau Maria erschienen, die ihm ihre Unterstützung zusicherte.

Nach einer weiteren, für den Jakobus-Kult in Santiago de Compostela grundlegenden Legende, übergaben seine Jünger den Leichnam des Apostels nach der Enthauptung einem Schiff ohne Besatzung, das später hier in Galicien, anlandete. Helfer setzten ihn weiter im Landesinneren bei, das Grab geriet jedoch in Vergessenheit. Nach der Wiederentdeckung wurde darüber eine Kapelle, später eine Kirche und schließlich die Kathedrale errichtet, um die herum sich der Pilgerort Santiago de Compostela entwickelte.

Bald wird der Weihrauchkessel in Bewegung gesetztWeitere Legenden berichten von der Wiederauffindung des Grabes zu Beginn des neunten Jahrhunderts, der Befreiung des Jakobsweges von den Mauren durch Kaiser Karl den Großen und von Wundern, die der Apostel an Pilgern auf dem Weg bewirkt hat.

Wenn man also kein Faible hat, für alte Sagen und Legenden, die dann im Verlauf der Jahrhunderte auch noch von allen möglichen Interessengruppen vereinnahmt oder umgeschrieben wurden, so kann man sehr gut nachvollziehen, dass es Leute gibt, die sich kopfschüttelnd abwenden um sich ihren eigenen Teil zu denken. Ich selbst bin trotzdem gespannt auf die Stadt und ihre berühmte Kathedrale, die übrigens auf die Rückseite der spanischen 1, 2, und 5-Cent-Münze eingeprägt ist.

An der Flussbrücke hole ich die seit Tagen humpelnde Aase ein und so gehen wir beide die letzte halbe Stunde zusammen direkt zur Kathedrale. Es ist etwa halb elf Uhr vormittags und in der Kirche ist noch kein großer Andrang. Der junge Spanier, der mir in Foncebadon die Geschichte von der “Schublade oder Suite im Himmel” erzählt hat, verspricht mir einen Platz frei zu halten, und so kann ich mich noch flugs ins nahe Pilgerbüro begeben, um meine “Compostela” abzuholen.
In dem alten historischen Gebäude stehen die Pilger fast bis auf die Straße, obwohl sich das Büro im ersten Stock befindet und dort vier Leute an dem Andrang arbeiten.

Schon hier sehe ich sehr viele Leute, denen ich schon viele Male begegnet bin und es gibt so manch fröhliches Hallo. Ebenso ist es kurze Zeit später in der Kathedrale. Es hat natürlich keinen Sinn, hier all die Leute beim Namen zu nennen, die ich in den Bänken sitzen sehe und kenne. Aber es sind bestimmt 30 bis 40 einzelne Menschen, die, ebenso wie viele andere, den Camino in unterschiedlicher Länge gegangen sind und nun mit ihren tief gehenden Emotionen kämpfen. Man umarmt und beglückwünscht sich.
Die Gefühle zu beschreiben, die mich an diesem Ort bewegen, fällt schwer, sie in diesem öffentlichen Brief darzulegen, noch schwerer. Die verkürzte Fassung lautet: Man ist erfüllt von einem Gefühl der Freude und des Glücks, dieses Ziel, nach all den Tagen, Wochen und Mühen, endlich erreicht zu haben. Viele Pilger haben Tränen in den Augen.

Messe in Santiago

Ich vertrete ja schon seit Jahrzehnten die Ansicht: wenn schon Gottesdienst, dann in einer katholischen Kirche. Den Zauber der hier entfacht wird, geniesse ich in vollen Zügen. Santiago de Compostela ist eines der bedeutendsten christliche Pilgerziele nach Jerusalem und Rom. Die Kathedrale ist jeden Mittag voll – dabei ist sie nicht gerade klein! Um zehn Minuten vor zwölf Uhr erscheint eine Nonne, die mit glockenheller Stimme den Gläubigen zuerst die Texte vorsagt, dann vorsingt und zuletzt vollen Einsatz verlangt, bei dem, was kurze Zeit später stimmlich die Messe erhöhen soll. Der Gottesdienst selbst wird von sieben Priestern aus unterschiedlichen Ländern gemeinsam zelebriert.

Hierbei wird Rücksicht auf die Internationalität der Gläubigen genommen, es gibt Textpassagen auf französich, deutsch und englisch. Die namentliche Nennung der einzelnen Pilger konnte ich mir noch nie vorstellen, sie wurde auch nicht vollzogen. Es wurde lediglich in einem trotzdem fünf Minuten dauernden Teil der Messe heruntergerattert wieviele Pilger von wo gestartet und nun angekommen sind. Also z.B. St.-Jean-Pied-de-Port – 24 Peregrinos Aleman, 18 Pergrinos Espanol und so weiter und so weiter.

Beinahe aufgegeben!Da ich nun mal ein Mensch bin für den das Gehör unheimlich wichtig ist, war für mich der schönste Teil des Gottesdienstes das uralte Lied “Großer Gott wir loben Dich”, das auch noch auf deutsch gesungen wurde. Ich habe das bestimmt schon seit 40 Jahren nicht mehr gehört. Gänsehaut-Feeling pur.

Nun noch all die persönlichen Begegnungen zu erzählen, die ich an diesem Tag und an den weiteren drei Tagen, an denen ich die Messe besuche um verlorengegangene Leute wiederzusehen, erachte ich als ziemlich sinnlos und dazu verspüre ich auch keinerlei Lust. So mancher blieb verschollen, andere tauchten wie erwartet auf. Ein kleines bisschen stolz bin ich nur auf den kleinen Spanier (Bild), den ich offensichtlich ausreichend motiviert habe. Er wollte vor ein paar Tagen schon aufgeben und umkehren. Auch er ist sichtlich erfreut mich hier wieder zu treffen.

Das einzige was jetzt noch für alle Leser interessant sein könnte, ist die Sache mit dem Weihrauchkessel. Früher war es nämlich üblich, dass die Pilger nach Ihrer Ankunft eine ganze Nacht betend in der Kathedrale verbrachten. Die Ausdünstungen der vermutlich eher ungewaschenen Menge war sicher nur schwer auszuhalten. Deshalb wurde vor dem Altar ein Weihrauchfass installiert, das an einem etwa 30 Meter langen Seil von der Decke hängt.

Der Weihrauchkessel in Santiago de Compostela - BotafumeiroAcht Männer sind nötig um die 50 Kilo des schmucken, silbernen Kessels (den Botafumeiro) herunterzulassen und dann durch die Kirche zu schwenken. Dabei soll das Fass im Lauf der Jahrhunderte schon zweimal aus der Kirche geschossen sein.

Das kann man sich gut vorstellen wenn man den Film sieht, den ich davon drehen konnte. Ich hatte sogar an zwei Tagen das Glück, diese besondere Einlage zu erleben. Obwohl mein Reiseführer behauptet, heute wäre das nur an besonderen Festtagen zu sehen.


Der Weihrauchkessel, genannt Botafumeiro, in der Kathedrale von Santiago de Compostela

Pilgern bedeutet loslassen und aufbrechen.
Pilgern bedeutet unterwegs sein – gehen auf ein unbekanntes Ziel hin.
Pilgern bedeutet innehalten und begegnen.
Pilgern bedeutet ankommen und heimkehren.

“Ultreia!” – “Es geht weiter!” das rufen die Pilgernden einander zu; der eigentliche Pilgerweg aber ist das Leben! Mein eigenes Leben wird ab morgen wieder sehr viel schöner sein. Denn dann kommt die beste Ehefrau von allen in Santiago an. Vorher muss ich mich noch dringend um ein Hotelzimmer kümmern. Das ist wichtig für das was kommen wird. Nämlich eine sehr Gute Nacht!