Im Refugio

Liebe Daheimgebliebenen,

im Pilgerbüro von St.-Jean-Pied-de-Port nimmt mich gleich eine deutsch sprechende, nette Dame in Empfang und drückt mir den ersten Stempel in meinen Credencial, außerdem Info-Material über die heutige, erste Strecke. Während dessen spielt sich am Nebentisch schon das erst Drama ab. Eine der freiwilligen Helferinnen hat den Stempel von St. Jean einem frisch gewaschenen deutschen Pilger versehentlich verkehrt herum eingedrückt.

Worauf dieser das sehr dramatisiert und verkündet, das sei ja schließlich ein wichtiges offizielles Dokument und wo käme man denn hin . . . und all sowas . . . tok, tok, tok.

Das Städchen St.-Jean-Pied-De-Port

Ich häng mir eine Muschel an den Rucksack und gehe los. Vor mir liegen 25 Wandertage, etwas mehr als 800 km – tagsaktuell sind es 28 km und 1267 Höhenmeter. Denn St.-Jean liegt auf 163 Meter, der höchste Pass des Tages, der Col de Lepoeder ist auf 1430 Meter zu finden. Es war traumhaft schön. Zwar ging es fast permanent bergauf, aber die Landschaft kann man schlicht nur als phantastisch bezeichnen. Das Wetter war zum wandern optimal, etwa 20 Grad mit einigen weißen Wolken am Himmel, sowie stetigem Wind. Am ersten Tag ist es natürlich höchst interessant, sich mit den Leuten, die man auf der Strecke sieht, zu unterhalten um festzustellen wo diese denn jeweils herkommen. Später lässt dieses Bedürfnis nach.

Auf dem Weg über die PyrenäenLustig fand ich unter anderem die zwei ca. 60-jaehrigen Damen aus Neuseeland, die sechs Wochen Zeit für den “Camino” haben. Nervig dagegen war ein kleiner Pulk fröhlicher Rheinländer, die sich, während sie die schöne Strecke gingen, gegenseitig erzählten wie toll es da und dort denn gewesen ist. Das ist ungefähr so, als wenn man eingeladen ist, und den Gastgebern dauernd vorschwärmt, wie gut man in dem Restaurant dort vorne an der Ecke essen kann.

Auf der Hochebene, dort wo nur noch Manech-Schafe mit ihrem langen Zottelfell frei herumlaufend grasen, kreisen mancherorts große Geier, leider habe ich selbst keine gesehen. Dafür aber das komplett abgenagte Skelett eines der wenigen Ponys, die ebenfalls dort oben zu finden sind. Nachdem ich eine Wasserstelle verpasst hatte, war ich sehr froh nach einigen Stunden endlich an der “Rolandsquelle” angelangt zu sein, wo ich auf das Wohl des Hessdorfer Rolands kräftig einen gehoben habe.

Ponyskelett von Geiern sauber genagtMeine kurzfristige Sorge wie das Pony zu enden, erwies sich also als nicht begründet. Der Abstieg nach Roncesvalles, dem ersten Etappenziel, jetzt bereits in Spanien, zog sich über einen verhältnismäßig flott zu gehenden Weg, der immer wieder die Serpentinen einer Strasse ohne jeglichen Verkehr kreuzte. Lediglich ein paar Radfahrer, die über den Pass kamen, wurden gesichtet.

Roncesvalles selbst liegt noch auf etwa 960 m Höhe, ist umgeben von saftigem Weideland sowie etwas Mischwald und besteht eigentlich nur aus wenigen Gebäuden. In erster Linie aus einem riesigen Klosterkomplex mit Kirche. Darin untergebracht sind Schlafräume für ca. 75 Pilger und eine Jugendherberge. Daneben gibt es noch zwei Gasthöfe, die auch Zimmer vermieten. Mein erstes Ziel.

Die RolandsquelleIm ersten Haus wäre zwar ein Doppelzimmer frei, dieses soll aber 75 Euro kosten. Was fuer die Lage und die Optik des Hauses entschieden zuviel ist. Dieses Angebot lehne ich also dankend ab. Nachdem auch Kloster, Jugendherberge und der zweite Gasthof “full” sind, bleibt noch das berühmte “Refugio” von Roncesvalles. Dabei handelt es sich um ein langgestrecktes, altes, historisches Gebäude, das aus grauen Naturquadern erbaut ist und früher ein Hospiz des Klosters war. Das Haus ist Fensterlos und besteht aus einem ebenerdigen, sehr großen und hohen Raum, in dem schlicht und ergreifend Stockbetten stehen. Meiner eigenen Zählung zur Folge standen dort mindestens 100 Stockbetten, macht also Platz für 200 Personen. Refugio bedeutet nichts anderes als `Notunterkunft` und als solches muss man sie auch betrachten.

Das Refugio in Roncesvalles Ordnung in dem Haus hielt eine Gruppe von sehr freundlichen Holländern, die die Kopfkissen verteilten und alle Fragen sicher beantworteten. Im Keller des Hauses, der topmodern renoviert war, lagen die Waschräume, 3 WCs, 2 Waschplätze und 3 Duschen für die Männer. Ebenso viele vermutlich für die Frauen. Dazu eine Waschmaschine und 2 Internet-PCs.

Mir war das alles ziemlich egal. Zuhause trage ich ja nur sehr sehr selten ca. 12 kg Gepäck 27 km weit. Also hier die 5 Euro bezahlt, dort das Kissen platziert und ab unter die Dusche.

Persönliche Befindlichkeiten:
Schweissdrüsen funktionieren am ganzen Körper. Daraus resultiert: Tiefe Beleidigung des eigenen Geruchssinns.

In den beiden Gasthöfen wird ein Pilgermenü für 8 Euro angeboten, dass ich gerne zu mir nehme. Leckere Kartoffelsuppe, eine kleine Forelle, in der Pfanne gebraten, dazu Pommes und am Schluss noch Creme Caramel aus dem Supermarktbecher. Dazu Wasser und Wein soviel man trinken kann. Nicht schlecht!

Die Bettenburg im Refugio Roncesvalles

Als Tischnachbarn habe ich zwei ältere Herren aus Holland, die mit dem Fahrrad hier sind. Sind also bereits 1600 km weit geradelt und waren bester Dinge. Denn die vor ihnen liegenden, jetzt noch 774 km bis Santiago sitzen sie doch auf einer Arschbacke ab …

Im Refugio geht pünktlich um 22 Uhr das Licht aus und sofort schnarchen die ersten acht bis zehn Leute los. Hier hat kein Mensch Sex. Gute Nacht.

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