Himmel und Erde

Liebe Daheimgebliebene,

heute war ich dem Himmel sehr nah. Nicht etwa aus religiöser Verzückung weil ich zum Jakobsweg unterwegs bin. Der Grund für die Nähe ist ein rein physikalischer. Denn ich bin geflogen. Im Blau also mittendrin, die Wolken als kuscheligen Teppich manchmal darunter. Gesehen wurden: Das Mittelmeer um Mallorca herum, später der Atlantik im Norden Spaniens, genauer bei San Sebastian, Felder in allen Farben und sagenhaft grüne Hügel.

Anflug über den WolkenWenn man das Glück hat, an einem schönen Sommertag einen Fensterplatz im Flugzeug zu ergattern, sollte man sich das Farbenspiel nicht entgehen lassen, das Natur und Mensch auf der Erdoberfläche erzeugt haben. Die Filmvorführung kann man getrost den mittleren Reihen überlassen.

Die Einbeziehung des Menschen ist Absicht und wenn es noch immer so etwas gibt wie “Flurbereinigung”, dann sind am Spiel der Formen ja sogar Bürokraten beteiligt. Für den Rest sind wohl die Landwirte zusammen mit der Natur zuständig. Mein Flug nach Bilbao ging wie erwähnt über Palma de Mallorca – wie so viele Flüge in wichtige spanische Städte. Das leuchtet mir zwar nicht ein, aber es gibt bestimmt Schlauköpfe bei den deutschen Fluggesellschaften, die das Gegenteil beweisen können.

In Bilbao angekommen entert man am besten den Bus, der direkt vor dem kleinen, aber schnieken Flughafen hält und für 1,25 € die Innenstadt ansteuert. Sehr zu meiner Freude führte die Strecke sogar direkt am Guggenheim Museum vorbei. Leider blieb keine Zeit dieses zu besuchen, denn mein ALSA-Bus, der mich nach Bayonne in Frankreich bringen sollte, würde den Museumsbesuch sicher nicht abwarten. Aber das Gebäude alleine ist ja schon toll.

Dass es in Spanien offensichtlich noch ein gut funktionierendes Netz von Fernbussen gibt, wusste ich bis dato nicht. Mein Bus fuhr jedenfalls später auch über Paris bis nach Brüssel. An der Central-Station tauchte sogar ein Bus auf der vorhatte nach Rumänien zu fahren….

Busbahnhof in Bilbao
Die Stimmung in dem von mir (über das Internet) gebuchten Busses war südländisch temperamentvoll und heiter. Die Kleinkinder wurden von ihren Müttern in keiner Weise gebändigt oder reglementiert. Was der phantastischen Landschaft ringsum aber wenig schadete. Höchstens meinen Nerven. Ein bisschen. Mich überraschen ja die Menschen der südländischen Nationen mit ihren Nerven aus Drahtseilen immer wieder.

Wie zum Beispiel ein ganzer Bus voller Menschen, ohne zu murren, das gnadenlose Geplapper aus dem Radio ertragen kann, das zusätzlich zerhackt wird durch Störungen und Überlagerungen von weiteren Sendern, wird mir auf immer ein Rätsel bleiben. Zum Glück gibt es Kopfhörer mit angeschlossenen MP3-Playern.

Ebenfalls verwundert hat mich die angesetzte Dauer der geplanten Fahrt. Drei Stunden für ca. 120 km?
Warum das so ist erfuhr ich bald. Erstens fuhr der Bus von der Autobahn immer wieder in die Zentren der größeren Ortschaften, später wurde er am ehemaligen Grenzübergang zu Frankreich angehalten und von einem jungen Golden Retriever durchschnüffelt. Zunächst der Fahrgastraum, dann der Gepäckraum darunter.
Ob nach Sprengstoff oder Drogen . . . ? Die E.T.A. lässt ja immer noch hin und wieder grüßen. Dann, ca. 30 km vor meinem Ziel verließ der Fahrer erneut die Autobahn, steuerte ein nahe gelegenes Hotel an und verkündete, es werden nun 20 Minuten Pause gemacht. Woraus natürlich flugs 55 Minuten wurden.

Vermutlich zur Versöhnung der Fahrgäste wurde nach diesem Halt schweres Unterhaltungsgeschütz aufgefahren. Zwei Monitore gingen an und ein Film mit dem vielversprechenden Titel “Black Knight” wurde abgespielt, in dem ein mir unbekannter farbiger Hollywood-Komiker in die Vergangenheit gesaugt wird. Interessant war die Sprachauswahl: Catalan. Nicht spanisch. Nachdem ich ohnehin beides nicht verstehen würde, hatte der Fahrer ein einsehen und stoppte für mich um 22:40 Uhr vor dem Bahnhof in Bayonne. Die Stadtbesichtigung muss also leider entfallen. Hier in Bayonne wird morgen früh um 8:24 Uhr mein Bummelzug starten, der mich in die Pyrenän-Ortschaft “St.-Jean-Pied-de-Port” bringen wird.

Hotelzimmer in BayonneÜber das Hotel “Paris-Madrid”, das direkt neben dem Bahnhof liegt, habe ich gelesen, es sei ganz akzeptabel, also lasse ich mich darauf ein und nehme das letzte freie Zimmer für 23 Euro inkl. Frühstück plus 1,- € extra für die Dusche auf dem Flur, die momentan aber “busy” ist, wie mir der Portier versichert.

Was ich für mein Geld bekomme ist eine kurze Beschreibung wert. Das Schloss, sowie der Türknauf, die beide extrem lässig aus dem Türblatt hingen, stammten etwa aus dem Jahr 1924. Entsprechend groß war der Schlüssel. Meine Hosentasche war voll. Die wenigen Einrichtungs-Gegenstände trotzten den Umständen, waren aber nur unwesentlich jünger. Das Waschbecken hing in einem Winkel von der Wand, der mich vermuten ließ, es wolle sich demnächst davonmachen. Die Tapete stammte etwa aus dem Jahr des Herrn 1967, und hatte in den letzten 40 Jahren viel, sehr viel Nikotin geschluckt.

Im Teppich vor dem Bett waren die letzten Fußpilze, die dort gelauert haben mögen, längst verstorben. Die Matratze war okay, Kissen uns Laken blütenweiß bezogen. Meine englisch sprechenden Nachbarn waren gut zu verstehen, hatten aber keinen Sex.

Angenehm war das aus fünf bis sechs Tönen bestehende kleine Musikstück, der französischen Bahn und die Stimme der Sprecherin die vom Bahnhof herüberklangen um die Ein- und Ausfahrenden Züge zu vermelden. Gute Nacht. Fortsetzung folgt . . .

Schreibe einen Kommentar