Hemd und Socken über alle Berge

Liebe Daheimgebliebenen,

Pilger sind seltsame Menschen. Ihr Dasein – so auch mein eigenes – reduziert sich innerhalb sehr kurzer Zeit auf einige wenige wichtige Dinge. Erstens Laufen, nach dem Laufen Duschen, Wäschewaschen und Essen. Ein wichtiges kleines Zusatzdetail ist die Trocknung der Wäsche. So habe auch ich gestern brav mein mehrfach durchgeschwitztes Hemd gewaschen und zusammen mit meinen Dessous der feuchtkalten Nachtluft in Roncesvalles überlassen. Die lange Leine hinter dem Refugio machte das möglich.

Am Morgen in Auritz. So viele Betten wären hier gewesenUm Punkt sechs Uhr morgens wurde das Licht im Schlafsaal wieder angeknipst und kaum vier Minuten später verließen die ersten beiden Wanderer mit einem an die Allgemeinheit gerichtetem “Buen Camino” die Stätte.
Ich war da gerade auf dem Weg zu den sanitären Einrichtungen und darauf eingerichtet schon eine Schlange vorzufinden. Denn 200 Leute vor zusammen vier Waschbecken . . . das konnte ja kaum gut gehen. Jedoch – weit gefehlt. Die Masse flätzte sich noch in den Betten – die die oben liegen haben ohnehin die schlechteren Papiere und können aus Platzmangel erst herunter wenn der untere Schläfer sich und seine Siebensachen halbwegs sortiert hat.

Morgenstimmung hinter AuritzIch hatte noch keinen Gedanken daran verschwendet, aber als ich um 6:20 meine Wäsche holen ging, stellte ich fest, dass es draußen noch stockdunkel war. Wo um alles in der Welt sind die ersten Wanderer hingestolpert, denen längst weitere gefolgt waren?

Na dann geh’ ich eben auch erst mal und mische im Konzert des Tütenknisterns mit. Denn um seine eigenen Klamotten vor eventuellen Regengüssen zu schützen, empfiehlt es sich, alles gut durchdacht, in Plastiktüten im Rucksack zu verstauen. So kommt jeder Wanderer auf ca. vier bis acht Tüten, mit denen in so einem Schlafsaal natürlich lustig herumgeknistert wird. Besonders verhasst sind diejenigen, die schon um halb sechs Uhr morgens damit anfangen.

Hemd und Socken sind mir noch zu feucht um sie in Tüten zu verpacken, also befestige ich sie mit Sicherheitsnadeln außen am Rucksack und verlasse um kurz nach sieben, der Morgen graute immerhin schon, das Refugio. Ich hätte gerne besser geschlafen – und Frühstück gibt es hier keines.

UnterwegsDoch nach einer knappen halben Stunde Gehzeit bin ich in Austritz/Burguette, wo es gleich mehrere Herbergen und Privathäuser gibt, die Zimmer vermieten und auch zwei Bars, wo man sagenhaft leckere Croissants mit Milchkaffee bekommen kann. Dass es sicher auch sagenhaft bequeme Übernachtungsmöglichkeiten hier gegeben hätte, nun, dafür ist es jetzt zu spät.

Die Wanderung des Tages, 26,5 km lang, ist wieder wunderschön. Hügeliges Weideland, Wald und Feldpfade, manchmal über gurgelnde Bäche, bergauf, bergab geht es durch mehrere kleine Ortschaften, die alle noch auf der Höhe von 800-900 Metern liegen, hinunter nach Zubiri. Hier ist für alle die Einkaufen wollen die zunächst letzte Möglichkeit. Der nächste Laden ist 18 km entfernt. Zum Etappenziel des Tages “Larrasoana” sind es dagegen nur noch fünf Kilometer.

Gedenkstein für einen japanischen Pilger der hier verstorben istEinziger Wermutstropfen auf dieser Wanderung war die Tatsache, dass ich mir ein bisschen wie Linus vorkam. Linus ist der beste Freund von Charly Brown. Dem manchmal Fliegen um den Kopf kreisen, die er dann mit seiner Schmusedecke erledigt. Nur hatte ich keine Schmusedecke dabei um die Biester zu erledigen.

Larrasoana liegt in einem Tal am Rio Arga und besteht wie alle bisherigen Ortschaften ebenfalls nur aus einer überschaubaren Anzahl von Häusern und natürlich einer Kirche. Hier gibt es zusätzlich noch eine Gemeindeverwaltung (mit einer gewichtigen Dame hinter einem großen Schreibtisch die den Stempel verwaltet!) und etliche Herbergen. Die meisten davon sind entweder voll oder unverschämt. Beim Abendessen treffe ich eine Frau, die 15 Euro für ein Stockbett im Viererzimmer bezahlt hat.

Da erwische ich es doch besser. Noch bevor ich über die Brücke in den Ort gehe, hat mir ein Hotelier ein Schild in den Weg gestellt, das sein 500 Meter entferntes Landhotel bewirbt.

Mein Hotel gleich hinter LarrasoanaDas Haus ist toll, 50 Euro zwar nicht billig, aber nach der Nacht im Refugio begeistert mich schon die Tatsache, dass es kein Etagenbett gibt und das Bad ganz alleine für mich ist. Die Liegestühle im Garten unter einem Apfelbaum laden zum verweilen und entspannen ein. Es ist herrlich ruhig und die Aussicht in das Tal und das Treiben dort ist toll. Schade ist nur, dass weder mein frisch gewaschenes Hemd noch meine längst getrocknete Socke an diesem Augenschmaus teilnahmen. Beide hatten sich auf dem Weg hierher einfach aus dem Staub gemacht.

Zum Abendessen mische ich mich wieder unter die anderen Pilger. Im einzigen Lokal am Ort, das auch als Bar dient, ist es üblich sich für das Pilgermenü anzumelden. Man bezahlt seine 10 Euro (hier ohne Wein und Wasser) im voraus, und bekommt gesagt, wann man einen Platz hat. In meinem Fall erst um 20:30 Uhr.

Aussicht auf Larrasoana vom HotelgartenEs sind vier lange Tische mit jeweils zehn Plätzen aufgestellt und die dort Sitzenden sind wirklich alle rechtzeitig fertig um dem nächsten Pilgerschwung Platz zu machen. Erwähnenswert an der Mahlzeit ist nur das Yoghurtmousse zum Dessert.

Das Nationengemisch an der Tafel ist recht lustig, etwas abfällig behandelt werden nur zwei ältere Holländer, die ebenfalls bereits von den Niederlanden bis hierher geradelt sind. Als wäre das nichts! Aber Wanderer wollen unter sich sein. Menschen auf zwei oder mehr Rädern sind ihnen verhasst, weil diese so unglaublich komfortabel fortkommen. Habe ich schon erwähnt, wie unglaublich komfortabel ich heute nacht schlafen werde? Es sind nur noch 747 km nach Santiago. Deshalb: Gute Nacht!

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