Gregorianisches in Samos

Liebe Daheimgebliebenen,

das grüne Herz von Galicien zeigt sich an diesem Morgen gleich von seiner besten Seite. Noch immer befinde ich mich auf 1.250 Metern Höhe und geniesse auf der heutigen Wanderung zunächst einen phantastischen Ausblick. Die aufgehende Sonne taucht das Land in ein geheimnisvolles Licht, im Tal wabern Nebelfelder.

Nebel im Tal - Das Panorama in FonfriaIn Galicien gibt es noch immer ein keltisches Erbe, an das eine starke Bindung besteht. Die “Gallegos”, also die Einwohner Galiciens haben auch heute noch eine eindeutig zweideutige Einstellung zu Hexen und ihrem Aberglauben an die übernatürlichen Kräfte von Steinen und dem Meer. Sie sagen einfach: “Ich glaube nicht an Hexen. Aber es gibt sie”. Man findet überall uralte Symbole des keltischen Kulturkreises und auch die galicische Volksmusik hat den gleichen Klang wie die auf den britischen Inseln. Verwendung findet auch hier ein Dudelsack, die sogenannte ”Gaita”.

In circa eineinhalb Stunden laufe ich von meinem stillen Gasthof bis nach Fonfría beziehungsweise nach “O Biduedo”, kleine Weiler, wo sich Gott bestimmt gerne aufhält, wenn er seine Ruhe haben will und mal nicht in Frankreich lebt. So schön ist es hier.

Dank meiner mobilen Musikbibliothek kann ich mir die Musik der Gaita-Spieler Carlos Nunez und Hevia anhören, die hierher passt. Meinem Grundsatz, auf jeden Fall mehr als die Hälfte des geplanten Tagespensums zurückzulegen bevor ich mir die erste Pause genehmige, muss ich hier einfach untreu werden. Siehe Bild oben.

Bernardo betrachtet seine HeimatAm Ende der Rast schließt sich mir mein spanischer Freund vom Vortag, Bernardo, der etwas orientierungslose Seemann wieder an. Er ist sehr verwundert darüber mich einzuholen, ist er mir doch gestern noch enteilt. Aber das ist nur ein typisches Beispiel dafür, wie es bei mehreren Übernachtungsmöglichkeiten am Weg gehen kann. Ich bin zwar nicht schneller, aber dafür sieben Kilometer weiter gelaufen als er.

Bis “Triacastela” gehen wir wieder gut gelaunt zusammen und genehmigen uns mittags ein großes Abschieds-Bier. Denn ich werde eine Alternativ-Route gehen, mein Ziel ist “Samos”. Hier gibt es eine Benediktiner-Abtei. Die Ordensregeln des Heiligen Benedikt gelten zwar erst seit dem 10. Jahrhundert, gegründet wurde das Kloster aber bereits im 5./6. Jahrhundert und gilt somit als eines der ältesten Klöster der westlichen Welt.

In Triacastela unter den uralten KastanienVon den erwarteten uralten Gebäuden ist nichts mehr zu sehen, wurde doch an der Anlage immer wieder herumgebaut. Im Jahr 1951 musste gar ein Großteil der Gebäude wieder neu aufgebaut werden. Ein Tank reinen Alkohols war in der Schnapsbrennerei des Klosters in die Luft geflogen und hatte einen verheerenden Großbrand ausgelöst.

Der Weg nach Samos führte aus Triacastela heraus zunächst etwa fünf Kilometer an der viel befahrenen Landstraße entlang, bevor sich der genervte Pilger ins Gelände verabschieden durfte. Dieser Weg war dann allerdings sehr schön. Dichte Laubmischwälder wechselten sich mit saftigen Weiden ab, ein stilles Bächlein plätscherte, und große Schiefertafeln konnte man als Weidezaun bewundern. Zivilisation gab es kaum am Wegesrand.

Dafür gehört das Refugio des Klosters in Samos in die Kategorie “Albtraum eines Pilgers”. Das beginnt schon mit der Lage des Schlafsaales (68 Betten in einem großen Raum). Direkt neben dem Eingang gibt es eine Zapfsäule, die einzige Tankstelle des Ortes wird hier betrieben. Der Rest der Klosteranlage liegt übrigens sehr schön an einem Flüsschen, mit Garten und kleiner Weide für die Kühe des Hauses.

Auf dem Weg nach SamosDer Schlafsaal ist ein hoher Raum, was prizipiell für ihn spricht, die Sanitäranlagen sind direkt nebenan untergebracht, leider nur durch eine sehr laut quietschende Tür abgetrennt, damit die anderen Schläfer auch etwas davon haben, wenn nachts jemand die Örtlichkeiten benutzt. Der einzige Service den es hier gibt, ist die Möglichkeit sich die Beine massieren zu lassen. Zwei Beine komplett für 20 Euro, nur vom Knie abwärts für 10 Euro. Ansonsten gibt es gar nichts. Nicht mal einen Getränkeautomaten.

Zwar sind zwei weitere Herbergen mit besseren Bewertungen in Samos vorhanden, aber ich brauche es heute irgendwie “hart und dreckig”. Womit ich nicht den Verdacht aufkommen lassen will, das Refugio wäre unsauber gewesen. Die alten Spartaner hätten ihre Freude daran gehabt.

Das Refugio mit TankstelleMich sticht einfach der Hafer und vermutlich habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich die Nacht zuvor so hervorragend geschlafen habe. Vielleicht gehört sich das nicht für einen ordentlichen Pilger – oder es liegt an meinen positiven Erfahrungen mit dem schönen Kloster in Dietfurt die ich hier vergeblich assoziiere.

Der einzige Grund, warum ich überhaupt hierher nach Samos gekommen bin, sind meine Ohren. Um 19:30 Uhr beginnt in der Klosterkirche nämlich die Vesper, respektive der Convent. Eine Andacht die komplett von den 17 oder 18 Mönchen die hier aktiv sind, gesungen wird. Also Gregorianischer Gesang. Und das will ich unbedingt hören.

Die Klosterkirche in SamosLeider sind die Herren heute nicht gut bei Stimme, unlustig oder gelangweilt. Der Vorsänger ist gut, alle anderen sind, sehr zu meinem Leidwesen, einfach indisponiert und zu leise. Okay – man kann sagen: “Wo kämen wir denn hin wenn jetzt auch noch Gottestdienste bewertet würden?”. Aber ich bin deshalb extra zehn Kilometer gelaufen und nehme mir zumindest das Recht zu urteilen: das musikalische Moment blieb deutlich hinter den hohen Erwartungen zurück – Punkt. Zum Glück habe ich mir im Klostershop keine CD von den Jungs gekauft.

In Samos ist es sehr schattig und kühl am Abend, Sitzgelegenheiten gibt es nicht viele, man muss sich also früh zurückziehen. Zum Glück macht die Tankstelle irgendwann zu und so rechne ich schnell nochmals nach – stimmt: es sind noch 131 Kilometer nach Santiago.

Kloster Samos von seiner schönen SeiteIrgend etwas ist immer schuld daran. Hier bestimmt die Tatsache, dass ich kein Kopfkissen habe. Schuld woran?
Natürlich an der Aussicht, dass ich wieder keine haben werde: eine Gute Nacht.