Give all my love to rose

Liebe Daheimgebliebenen,

scheinbar hat die Meseta ernsthafte Auswirkungen auf den Gemütszustand des Menschen. Heute ist der vierte Tag für mich in dieser Landschaft und ich bin wirklich schwer depressiv. Vielleicht hätte ich eine andere Musik wählen sollen, aber mir war nach Johnny Cash, der mir nun ins Ohr singt:

I found him by the railroad track this morning
I could see that he was nearly dead
I knelt down beside him and I listened
Just to hear the words the dying fellow said
He said they let me out of prison down in Frisco
For ten long years Ive paid for what Ive done
I was trying to get back to Louisiana
To see my Rose and get to know my son
Chorus:
Give my love to Rose please wont you mister
Take her all my money, tell her to buy some pretty clothes
Tell my boy his daddys so proud of him
And dont forget to give my love to Rose

Als ich auf den ersten zehn Kilometern des Tages dieses Lied höre, bin ich fast zu Tränen gerührt. Seltsam was Musik bewirken kann.

 Einsamkeit hinter Calzadilla de los HermanillosDen Camino kann man heute auf zwei verschiedenen Strecken gehen. Eine Variante wäre für mich 31,9 Kilometer lang, die andere 31,1 Kilometer. Da ich nicht ganz bei Verstand bin, wähle ich erstere.
Mein schlaues kleines Buch weist darauf hin, dass das die weniger frequentierte Strecke ist und man ausreichend Wasser und Verpflegung mitnehmen soll, denn es gibt nur eine Ortschaft am Wegesrand.

Um es in einen Satz zu fassen: Ich hab mich noch nie in meinem Leben so alleine gefühlt wie dort. Auf einer Strecke von neun Kilometern wurde ich in einer Pause von einem einzigen Pilger überholt, entgegen kam mir genau ein Mensch auf einem klapprigen Fahrrad. Sonst niemand. Weder vor, noch hinter mir. Es gab keine Felder, nur gelbes Gras, ein paar Büsche und wenige Bäume. Am ehesten war der Anblick mit der afrikanischen Steppe vergleichbar.

Noch mehr EinsamkeitEndlich in “Calzadilla de los Hermanillos” (was für ein gigantischer Name für so ein kleines Dorf), nach 14 Kilometern, bietet sich am Ortseingang ein Haus als Restaurant an. Herrlich! Menschliche Behausung, Stimmen, Geruch nach leckerem Essen. Die nette Köchin zeigt mir in ihrer Küche die selbstgemachte Tortilla und schlägt Salat dazu vor – mir ist alles Recht.

In dem schattigen Garten schlafe ich nach der Mahlzeit fast ein und erst weit nach 14 Uhr kann ich mich dazu aufraffen die restlichen 18 Kilometer in Angriff zu nehmen. Eine Stunde Gehzeit sind es bis zur nächsten Strassenkreuzung und mir wird klar: ich bin heute weder physisch, noch psychisch in der Lage den Rest der Strecke zu gehen. Auf dem vor mir liegenden Weg wird absolut nichts mehr kommen. Keine Ortschaft und schon gar keine Übernachtungsmöglichkeit.

Die letzte Stunde habe ich damit verbracht, die Qualität der Löcher zu begutachten, die die Metallspitze meines Stockes im weichen Ausbesserungsasphalt hinterlässt. Aufregenste Entdeckung in dieser Zeit war ein kleines Schlagloch in der Straße, das exakt die Form des Kontinents Afrika hatte. Vielleicht halluziniere ich auch nur.
Die Meseta hat mich geschafft.

Schöner Garten, grauenhafter SchlafsaalUnd so beschließe ich eine weitere Stunde zu opfern, um an der wenig befahrenen Straße nach “El Burgo Ranero” zu laufen, was an der Alternativ-Strecke des Tages, etwas weiter im Süden liegt, gegen die ich mich noch vor ein paar Stunden entschieden habe. Dort hellt sich meine Laune schlagartig etwas auf, sitzen doch in den Stühlen der verschiedenen Bars und Herbergen überall Gesichter, die mich erkennen, freundlich nicken oder Grüßen.

Die Herberge, die ich nehmen muss, liegt ganz am Ende der Ortschaft, hat einen wunderbar gepflegten Garten mit mehreren fest installierten Bastschirmen, darunter Liegstühle mit dicken Auflagen. Fast wie im heimischen Garten. Allerdings ist der Schlafsaal wieder eine Zumutung, Pilger gut geschlichtet nenne ich das. Zehn Stockbetten auf engstem Raum, die Sanitäranlagen zum Schlafraum hin offen. Ich hasse das.

Es wird schwer sein, das zu bekommen was ich dringend brauche, hier, 361 Kilometer vor Santiago. Nämlich eine Gute Nacht.