Gefährten und Wunderliches

Liebe Daheimgebliebenen,

die Einleitung meines gestrigen Briefes über meine Sicherheit was den richtigen Weg angeht, findet heute in gewisser Weise ihre Fortsetzung. Ab dem Morgengrauen, also etwa um 7:30 Uhr bin ich zunächst mit Bernardo, dem Kapitän aus Barcelona unterwegs. Wir hatten uns nicht verabredet. Der Camino hat uns zusammengeführt – wie mancher sagen würde. Denn Bernardo ist genau einer jener Pilger, der bei kleinen Unklarheiten, was den weiteren Weg angeht, sehr unsicher ist. Dazu passt die Geschichte, die er mir von seiner Ankunft in Ponferrada erzählt.

Der schwarze Hund von TrabadeloEr sei erst um 20:30 Uhr in der Stadt angekommen und hätte dann die Pilger-Herberge gesucht aber nicht gefunden. Die Zeichen des Camino seien ihm nicht begegnet und obendrein habe er beim herumirren irgendwann bemerkt, dass sein Rucksack offen steht und bereits einige Kleidungsstücke hinter ihm auf der Straße liegen.
Bernardo ist Kapitän zur See – offensichtlich an Land etwas orientierungslos. Vielleicht fehlt ihm ein Sextant. Ich bin zunächst also sein Navigator bis wir uns nach ein paar Stunden wieder trennen. Unser Laufrhythmus passt nicht gut zusammen, er geht mir zu schnell und zu nervös. Vielleicht muss er sich erst eine Blase laufen und sein Handy ausschalten. Letzteres rate ich ihm dringend.

In einem Ort namens Trabadelo treffe ich dann auf einen neuen Weggefährten. Neben drei anderen Hunden die dort im Dorf, trotz der durchführenden Landstraße, allein herumlaufen, befindet sich auch ein recht großer schwarzer Hund, der ein bisschen Ähnlichkeit mit einem Dobermann hat aber harmlos scheint.

Die zweite Herberge in La FabaDa ich seit dem zweiten Tag hier einen Wanderstab benutze (wovon ich übrigens beinahe auch noch eine Blase an der zarten Maus-Hand bekommen hätte), fühle ich mich recht sicher. Denn viele Hunde ziehen den Schwanz ein und legen den Rückwärtsgang ein, wenn sie Peregrinos mit Stöcken begegnen. Scheinbar verbinden sie damit die ein- oder andere unerfreuliche Erfahrung.

Der erwähnte schwarze Hund nicht. Er läuft mir sehr lange Zeit nach, dann überholt er mich und verschwindet aus meinem Blickfeld. In der nächsten Ortschaft wartet er scheinbar auf mich und geht ab da immer einige Schritte vor oder hinter mir. Manchmal rennt er voraus, als wenn er wichtige Dinge zu erledigen hätte, bleibt kurz unsichtbar und wartet an anderer Stelle wieder auf mich.

In der Ortschaft Ruitelán beginnt der Aufstieg von der Ebene (ca. 600 Meter), zum “O Cebreiro”, der 1.330 Meter hoch ist. Auch hier bleibt der Hund in meiner Nähe. Inzwischen schon seit fast acht Kilometern. Weitere fünf Kilometer später, kurz vor dem kleinen Weiler “La Faba”, kommt uns an einer schmalen, hohlwegartigen Passage eine Bäuerin mit ihren Kühen entgegen, die sie auf eine nahe Weide treibt. Unterstützt wird die Frau dabei von ihrem eigenen, bellenden Vierbeiner. Hier ist es dann mit der Gefolgschaft meines schwarzen Freundes vorbei.

Pilgerdenkmal vor der Herberge in La FabaWas in Köpfen von Hunden vorgeht, durchschaue ich nicht, ihre Sprache empfinde ich als recht eintönig, laut und unverständlich. Die beiden Kerle unterhalten sich lange Zeit auf ihre eigene Weise, die Bäuerin ist natürlich auf der Seite ihres Haustieres. Mit dem angestimmten Gebell wird vermutlich versucht die Rechtslage auf dem Hohlweg zu klären. Mir dauert das alles zu lange und so trennen sich unsere Wege.
Da ich den schwarzen Hund nicht mehr wiedersehe, scheint er die Auseinandersetzung verloren zu haben und sein Vorhaben, mir nach Santiago zu folgen, wohl aufgeben. Immerhin: 13 Kilometer der Gesamtstrecke hat auch er geschafft.

Obwohl La Faba nur aus einigen Häusern besteht, deren Bewohner einen herrlichen Ausblick über das Land genießen, gibt es dort, gleich neben der kleinen Kirche, eine sehr nette Herberge mit 30 Plätzen im ehemaligen Pfarrhaus. Diese wird vom deutschen Jakobusverein “Ultreia” aus Stuttgart geführt und allseits gelobt.
Mir ist die auf Einlass wartende Pilgerschar dort zu deutsch, das Wetter zu gut und der Zeitpunkt, für heute schon Schluss zu machen, zu früh. Deshalb gehe ich insgesamt noch 11 Kilometer weiter, für die man circa drei Stunden benötigt.

In Galicien angekommenDer Aufstieg zum “O Cebreiro” ist landschaftlich wunderschön, der Blick über Galicien ergreifend. Ich geniesse die vollkommen stillen Momente die es dort oben auf dem Berg gibt. Das Dorf am Gipfel gleicht einem Museum, hat nur 50 Einwohner, der Auftrieb dort ist aber gewaltig. Eine große Menge Bustouristen wurden in den Ort gekarrt und es gibt Verkaufsstände für Andenken jeder Art. Die neue Beton-Klotz-Herberge mit 80 Betten soll eine der am meist frequentierten des gesamten Jakobsweges sein.

Die kleine Kirche “Santa Maria La Real”, etwas abseits gelegen, stammt aus dem neunten Jahrhundert und ist die älteste erhaltene Kirche am gesamten Weg. Sie war Ort eines Wunders, das sich hier um 1300 zugetragen haben soll. Der Legende nach hat sich ein frommer Bauer in einer stürmischen Winternacht zur Messe in O Cerbreiro hochgekämpft. Der wenig glaubensfeste Mönch der mit der Liturgie beauftragt war, dachte: “Was für ein Dummkopf, nur um ein Stück Brot und ein bisschen Wein zu sehen, kämpft er sich durch die Gesäßkälte da draußen”. Im selben Moment verwandelten sich Hostie und Messwein in echtes Fleisch und Blut. Beides ist in zwei Glasphiolen in der “Capilla del Santo Milagro” dort oben ausgestellt, Kelch und Hostie sind wegen des Wunders auch Elemente auf dem galicischen Wappen! Soviel aus der Abteilung für Glaubensfragen.

Infos aus der Neuzeit, die belegbarer sind, habe ich auch: In O Cebreiro wirkte ab 1959 ein Pfarrer (Elias Valina), der Pionier des modernen Jakobsweges war. Er markierte 1984 erstmals von Frankreich bis nach Santiago den gesamten Weg mit gelben Pfeilen – bis heute Wegweiser und Markenzeichen des Caminos.

Der aufmerksame Leser hat es vielleicht schon bemerkt: Heute ist wieder einer meiner ganz kritischen Tage. In La Faba war mir das Publikum zu deutsch, in O Cebreiro die Menge zu umfangreich. Deshalb lasse ich mich von meinen Beinen in herrlicher Abendstimmung über alle Berge, nach “Hospital da Condesa” tragen. Das ist zwar nur ein kleines Dorf auf 1.250 Metern Höhe, aber aus dem einzigen Gasthaus erklingt sympathische Musik aus Galicien und wie sich herausstellt kann man hier für 25 Euro sehr gepflegt im Einzelzimmer übernachten.

Wenn man 34 Kilometer gelaufen ist, dann hat man abends auch das Recht, diese von der verbleibenden Kilometerzahl abzuziehen und befriedigt festzustellen: es sind noch 153 Kilometer bis Santiago. Dieses Ergebnis beschert mir vermutlich eine richtig Gute Nacht.

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