Die kleine Irin

Liebe Daheimgebliebenen,

Frühstück gibt es heute erst nach zwei Stunden Fußmarsch, diesen untermalt mit der “Moldau” von Friedrich Smetana und dem zweiten Klavierkonzert von Bach. Häufig nervt mich das Geplapper meiner Mitmenschen, die das gleiche Ziel haben, dann behelfe ich mir mit Musik. Und heute ist wieder so ein Tag, an dem alle zur gleichen Zeit gestartet scheinen. Es dauert sehr lange, bis sich der Pilgerstrom auseinanderzieht. Vielleicht ist es aber auch nur eine Frage der Optik.

Die 20-bogige Brücke Puente de OrbigoAus “Villar de Mazarife” heraus führen zunächst sechs Kilometer ebene, schnurgerade Asphaltstraße. Die restlichen 25 Kilometer nach Astorga werden ab der schönen alten und langen Brücke von “Hospital de Orbigo” landschaftlich wieder schöner und abwechslungsreicher.

Allerdings habe ich mich auf der Strecke auch enorm geärgert. Obwohl ich dem Thema Tierschutz bisher recht desinteressiert gegenüberstand: ich habe noch nie in meinem Leben eine derartige Schweinerei gesehen was Tierhaltung angeht. Leider bin ich mir nicht zu 100% sicher, es müsste sich aber um einen recht großen Bauernhof nach der kleinen Ortschaft “Sanitibánez de Valdeiglesias” handeln.

Kühe und Kälber waren hier im Freien, in einem für die Anzahl der Tiere sehr kleinen Gatter untergebracht. Die Tiere standen mit ihren Beinen circa 40 Zentimeter tief in ihrem eigenen Kot und im Schlamm obwohl es dort mit Sicherheit auch schon lange nicht mehr geregnet hatte. Die Tiere konnten sich wegen der Tiefe des Morastes kaum bewegen, mussten aber um zu fressen, an den Rand des Geheges kommen, wo etwas Heu herum lag. Es handelte sich also nicht um eine Weide. Die Tiere waren vollkommen verdreckt. Falls es Tierschützer gibt, die Kontakte zu Gleichgesinnten in Spanien unterhalten: Bitte tut etwas dagegen! Es gibt für die Zustände dort Zeugen aus aller Welt.

Mein spezielles Unterkunftsverzeichnis verspricht mir in Astorga einen 300 Jahre alten “Palast” mit allem Schnickschnack als Herberge. Und das in der Nähe der Kathedrale. Astorga hat immerhin etwa 12.000 Einwohner, zählt auf dem Jakobsweg also schon fast zu den recht grossen Ortschaften. Dort müßte es doch eigentlich auch ein recht schönes Hotel geben . . .

Das Innenleben der Herberge sieht wirklich einladend aus, wobei sich die Bezeichnung “Palast” wohl ein Pilger im schweren Delirium erträumt hat. Es gibt gute sanitäre Einrichtungen, Waschmaschinen im Innenhof, Internet und morgens sogar Frühstücksbüffet! Wichtigster Punkt für mein Bleiben: ich finde im zweiten Stockwerk noch ein Bett nahe einem offenen Fenster und dieses Bett ist auch noch ein Einzelbett im europäischen Standardformat. Purer Luxus. Meine scheinbar schlafende Bettnachbarin macht mir nur kurz Sorgen.

Alex und eine von Pilgern bekleidete Figur am WegesrandWas ich von Astorga um die Kathedrale herum sehe, gefällt mir sehr gut. Neben der Kirche vor allem der ehemalige Bischofspalast, der ebenfalls vom Architekten Antonio Gaudi entworfen wurde, seinem Zweck aber nie zugeführt wurde. Der auftraggebende Bischof starb vor der Fertigstellung, sein Nachfolger war wesentlich weniger progressiv.

Während ich also auf einer Bank sitze und das Gebäude betrachte, setzt sich plötzlich – und schon fast unerhört nahe – eine kleine, freundlich blickende Frau mit blondem Wuschelkopf neben mich und sagt: “So – you are a peregrino?!” Gleichzeitig als Frage und Feststellung. Ich überlege kurz was sie meint und woran sie das erkannt haben mag, sehe ihre Füße, und wir strecken fast synchron lachend unsere Beine hoch, ohne dass ich ihr antworte. Wir sehen: Nackte Füße in FlipFlops!
Wie sich herausstellt, ist die Frau Irin und hat sich mit mir nur einen kleinen Spaß gemacht. War sehr lustig!

Als ich in meinen “Palast” zurückkomme, liegt meine Bettnachbarin immer noch unverändert da, so dass ich sie frage, ob es ihr nicht gut gehe. Aber sie versichert mir, sie sei nur vom wandern, speziell heute, sehr geschafft. Ihr Name ist Ida, eine Ungarin die in Belgien lebt, aber sehr gut deutsch spricht. Sie wird hier extra vorgestellt, denn sie wird noch eine Rolle auf meinem weiteren Weg spielen.

Mein Abendessen nehme ich in einem Lokal gleich neben der Herberg mit Cornelia aus Köln und Alex aus Frankfurt ein, die ich beide am Vortag kennengelernt habe. Cornelia, eine junge Lehrerin, hat den Jakobsweg, wie sehr viele Deutsche, erst in León begonnen, ist also noch ein blasenloser Frischling hier.

Der Bischofssitz von GaudiAlex nimmt sie ein bisschen unter seine Fittiche. Durch meine Busfahrt nach und aus León wurde ich wieder aus einer Gruppe katapultiert und bin nun in einer neuen gelandet. Außer den beiden und Retho aus der Schweiz (danke noch mal für die Tabletten), kenne ich fast niemanden.

Sich immer wieder neu zu orientieren und neue Leute kennen zu lernen, empfinde ich als den interessantesten Aspekt auf dem ganzen Camino. Daran, dass vereinzelt trotzdem altbekannte Gesichter auftauchen, erkennt man, dass man nicht der einzige ist, der kurz im Bus saß.

Als ich endlich im Bett liege, wird mir klar, dass es noch 269 Kilometer nach Santiago sind und auch diese Herberge einen Haken hat. Alle Fußböden und Decken bestehen nur aus dicken Bohlen, so dass man den Lichtschein und die Gespräche im Erdgeschoss, jedes Husten und Knarren im Haus auch noch zwei Stockwerke höher wahrnehmen kann. Es wird also trotz des wunderbaren Bettes wieder keine Gute Nacht.