Die Entdeckung der Langsamkeit

Liebe Daheimgebliebenen,

füttert man Wikipedia mit dem Begriff “Bettwanze”, bekommt man in etwa folgende Information: Die Bettwanze (Cimex lectularius) ist eine Wanze aus der Familie der Plattwanzen (Cimicidae). Sie ist darauf spezialisiert, in den Schlafplätzen von Menschen zu leben und sich von deren Blut zu ernähren.

Bettwanzen sind Zivilisationsfolger und gelten als klassische Parasiten. Wegen ihrer Form und ihres Verhaltens werden sie auch Tapetenflunder genannt.

Bettwanze - Foto: Wikipedia
Sehr interessant!

Mich haben die Biester heute Nacht mehrfach in die Arme gebissen. Schon in “Villar de Mazarife”, im Refugio von Jesús, also etwa 400 Kilometer zurück, gab es Leute die erzählten, andere wären in ihren Zimmern von Bettwanzen attackiert worden. Ich fand die Vorstellung lange Zeit lustig, dass hier am Camino zuerst die Blasen versuchen die Weltherrschaft an sich zu reissen, und nun auch noch eine mir unbekannte Spezies mit dem kuschelig klingenden Namen “Bettwanze”. Persönlich begegnet ist mir so ein Tierchen nie. Bisher.

Die Stiche jucken etwas, bleibenden Schaden befürchte ich nicht und bin mit der Nacht prinzipiell zufrieden. Da sieht man mal was so ein bisschen Optimismus bewirken kann. Trotzdem steht mein Entschluss. Das war die letzte Nacht in einem Refugio oder einer Herberge. Für sehr, sehr lange Zeit.

am Monte do Gozo

Obwohl man auf dem Rest des Weges noch eine interessante Erfahrung machen könnte – was Herbergen angeht. Nur etwa fünf Kilometer vom Zentrum Santiagos entfernt, liegt nämlich der “Monte do Gozo”. Mit Blick auf die Stadt gibt es einen sogenannten Ferienkomplex mit Jugendherberge, Hotel, Campingplatz und Herberge mit 500 Betten. In heiligen Jahren (das “Año Santo” wird begangen, wenn der Festtag des hl. Jakobus, der 25. Juli, auf einen Sonntag fällt) werden zusätzlich Container aufgebaut und das Schlafkontingent auf 800 bis 1.000 Betten erhöht. Wer meint, dass das zugehört . . . .

Auf dem Camino tun sich heute seltsame Dinge. Die letzte Hochrechnung ergab eine Reststrecke von 46 Kilometern. Wobei dieses Ergebnis aus den Angaben meines modernen Reiseführers stammt, und sich nicht an den altehrwürdigen Kilometersteinen orientiert.

Teilt man diese Kilometerzahl in zwei gleiche Hälften und legt sie auf die Reststrecke an, stellt man bald fest, dass sich ein kleines Zeitproblem ergeben kann. Denn es will ernsthaft überlegt sein, wann man in Santiago ankommen möchte. Mittags um 12 Uhr findet die große Pilgermesse statt. Um einen Sitzplatz in der Kathedrale zu bekommen, empfiehlt es sich, eine Stunde früher da zu sein. Das würde bedeuten, man muss bis um 11 Uhr etwa 23 Kilometer zurückgelegt haben. Kein guter Plan.

Towe und KristinWie verlässlich die ganzen Kilometerangaben sind, weiß auch keiner so recht. Sicher ist lediglich eines: am Jakobsweg sind Kilometer oft unterschiedlich lang. Meine beiden Freundinnen Towe und Kristin aus dem hohen Norden haben das auch schon, teils entrüstet, teils erstaunt, zur Kenntnis genommen. “They have flexible Kilometers here in spain!”, lautet ihr Kommentar zum Kapitel alte Messtechnik der Iberer.

Vielleicht sind die meisten Pilger auf der vorletzten Wanderung wirklich so schwer am Kopfrechnen, dass sie dadurch langsamer geworden sind. Ich selbst verbringe den Tag damit, den gesamten Aufenthalt hier, noch einmal an mir vorbeiziehen zu lassen. Die ganzen Eindrücke und Personen. Die phantastischen Landschaften. All die netten Menschen die uns Pilger hier unterstützt, verpflegt, bekocht, motiviert oder nur gegrüsst haben. Langsam macht auch mich dieser bunte Bilderbogen, der vor meinem inneren Auge vorbeizieht.

“Die Entdeckung der Langsamkeit”, heisst ein sehr interessantes Buch von Stan Nadolny. Es handelt von dem Seefahrer und Polarforscher John Franklin (1786-1847), der wegen seiner Langsamkeit, Schwierigkeiten mit der Schnelllebigkeit seiner Zeit(!) hat. Mir fiel das Buch wieder ein, als ich die sehr lang gezogene Schlange der Wanderer beobachte und das gleiche Verhalten bei mir selbst feststelle.

Im Eukalyptuswald vor Santiago de CompostelaAlle haben offensichtlich einen Gang heruntergeschaltet und geniessen die Strecke durch die ländliche Gegend, die kleinen Dörfer und die nun großen Eukalyptuswälder. Niemand hat es eilig ans Ziel zu kommen. Nichts ist zu spüren von dem Drang, der noch gestern im Mittelpunkt stand.

Für manche ist der Weg heute, trotz des sehr flachen Streckenprofils, nochmals eine kleine Bewährungsprobe. Denn von Arzúa, einem kleinen Städtchen in dem ich frühstücke, bis nach “Santa Irene”, gibt es fast 20 Kilometer weit keine Möglichkeit in einer Herberge zu übernachten. Speziell der kugelrunde Kanadier musste sich hier einen genauen Plan machen.

Mir werden zwei andere Dinge unangenehm. Die etwa 23 Kilometer nach Santa Irene sind kein Problem, aber dann sieht die Streckenführung vor, dass man den schönen Wald- und Wiesenweg verlässt um sich schon zwei bis drei Kilometer später eventuell ein Quartier in Pedrouzo zu suchen. Da ich nicht vorhabe dort zu bleiben, lasse ich den Ort links liegen – den Ratgeber in meiner Tasche ignorierend.

Dieser hätte mir zwar gezeigt, dass ich eigentlich bis zum berüchtigten “Monte do Gozo” laufen muss, um die nächste Herberg zu finden, er hätte mir aber nicht geraten, Wasser mitzunehmen. Davon, dass ich gar nicht in einer Herberge schlafen will, hatte das kleine Buch sowieso keine Ahnung.

Am Morgen noch voll Optimismus, doch wie so oft ohne jeden Plan losgelaufen, gehe ich nun etwa neun Kilometer weit sehr durstig durch den Eukalyptuswald. Es riecht herrlich. Aber hier gibt es keine Quelle. Nicht mal einen Wasserhahn aus dem leicht gechlortes Wasser tröpfelt. Neben dem Durst quält mich also nur eine einzige Frage: warum gibt es hier keine Bar?

LandebahnMein Versuch, im einzigen Ort auf dieser Strecke, den Camino sich selbst zu überlassen, und auf eigene Faust für mein leibliches Wohl zu sorgen, sowie nach einer Übernachtungsmöglichkeit zu fahnden, scheitert ziemlich kläglich. Zwar finde ich ein Haus, das sich als Pension ausgibt, aber es öffnet niemand und auch sonst handelte es sich um einen totalen Irrweg. Unhaltbare Zustände in Amenal: Weder Bar noch Restaurant gibt es hier!

Vom Gedanken beseelt – alles nur nicht Monte do Gozo – bleibe ich auf der Landstraße und lasse die Sonntagsfahrer an mir vorbeibrausen. So lange, bis ich am Ende der Start- oder Landebahn des Flughafens von Santiago wieder auf den Camino und seine Zeichen stosse. Mourentán heisst der nächste Ort, bestehend aus ein paar Firmen, einem Kreisverkehr, Landstraße, sogar einem Bordell am Wegesrand – es gibt nun wirklich nicht mehr viel was der Pilger vermissen müsste. Ausser einer Übernachtungsmöglichkeit.

Zum Glück gibt es bald eine Abzweigung in Richtung Paradies. Ein paar Häuser, “San Paio” genannt, an einem idyllischen Fleck gelegen. Hier braust das Leben. Im einzigen Restaurant geht es zu wie in einem Taubenschlag, Radfahrer, Pilger, bekannte Gesichter. Sigi, Hubert und Aase aus Dänemark sitzen vor gigantischen Salattellern und Fischplatten, Weinflaschen, Bierkrügen. Mir ist nach diesen 33 Kilometern nur das erste Getränk wirklich wichtig.


In der herrlichen Wohnung in San PaioWie sich herausstellt kann man in diesem Haus auch übernachten. Ich bekomme das letzte Zimmer, die anderen Räume wurden schon von den zuletzt genannten Bekannten angemietet. Wir finden uns nach der Schlüsselübergabe wieder, in einer sehr großzügig geschnittenen Wohnung, die komplett, und irgendwie ein bisschen altdeutsch, eingerichtet ist. Sigi und Hubert erhalten das Eltern-Schlafzimmer mit eigenem Badezimmer, Aase muss sich das zweite Bad mit mir teilen, aber jeder von uns erhält ebenfalls ein sehr großes und sauberes Zimmer. Bei einem Preis von 20 Euro pro Person definitiv die beste Unterkunft auf dem ganzen Camino!

Alsbald rumpelt die Waschmaschine los, damit wir morgen in der Kathedrale einen guten Eindruck beim Apostel und den anderen Pilgern hinterlassen. Unser geselliges Beisammensein auf den wuchtigen Sesseln und Sofas im Wohnzimmer währt zwar nur kurz, denn jeder will sich noch ein bisschen mit sich selbst beschäftigen, sein Tagebuch oder womöglich sogar Briefe an die Daheimgebliebenen vervollständigen.

Rechenaufgaben gibt es keine mehr zu lösen. Es sind nur noch etwa 13 Kilometer bis Santiago, wir sind alle sehr gespannt auf das was uns dort erwartet, sind dankbar für den minimalen Flugverkehr und das exitierende Nachtflugverbot und gehen deshalb früh schlafen um die herrlichen Betten möglichst lange auskosten zu können. Vorher wünschen wir uns natürlich gegenseitig noch eine sehr Gute Nacht.