Credencial, Camino und Compostela

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Liebe Daheimgebliebenen,

zunächst hatte ich mein Frühstück im Hotel mit einem grauenhaften Monsieur. Circa 65, klein, rund, das Harr sehr schütter, nichts desto trotz aber wirr. Kurz, einer jener älteren Herren, die keine gute Kinderstube erfahren haben, ihren Gürtel aber etliche Zentimeter oberhalb des Bauchnabels tragen.

Dass man in Frankreich auf das lecker Baguette Butter und Marmelade schmiert um alles zusammen dann in der Kaffeetasse zu versenken, mag ja noch angehen. Dass man das labberige Zeug dann aber derart laut schmatzend zu sich nimmt wie dieser alte Baske, halte ich für nicht normal. Etwas mehr Nobless wäre schon angebracht gewesen. Er schaufelte sich das Zeug jedenfalls in einer Geschwindigkeit in den Magen, dass ihm gar nichts anderes übrig blieb, als auch noch schwer zu atmen und zu schnauben. Zum Glück ging mein Zug bald.

Um mich nicht mit einem nur französisch sprechenden Fahrkartenautomaten unterhalten zu müssen, habe ich das Ticket für die Fahrt (8,20 Euro) übrigens schon Wochen vorher über das Internet bestellt und die Bahngesellschaft SNCF hat mir dieses ohne Aufpreis per Post (einfach so) zugestellt.

Die Fahrt mit dem kurzen Zug war sehr schön und führte durch eine wildromantische Gegend an einem reißenden Fluss entlang. Die Fahrgäste bestanden schon aus einem interessanten Nationengemisch. Ein ununterbrochen englisch parlierendes Paar kam aus Kanada, ein ebenfalls nie stilles Paar aus Belgien. Dann natürlich Franzosen und eine vierköpfige Familie mit zwei Kindern um die 12 Jahre aus Asien. Vermutlich aus Korea.

Die eine Seite meines Credencial (offizieller Pilgerausweis) nach dem Camino

Nach etwas mehr als einer Stunde war das Ziel, St.-Jean-Pied-de-Port erreicht. Sicherheitshalber suche ich noch das Pilgerbüro auf, obwohl ich meine “Credencial”-del-Peregrino bereits aus Deutschland mitgebracht habe. Ausgestellt vom “Freundeskreis der Jakobspilger Paderborn”. Der Credencial ist ein offizieller Pilgerausweis, mit jeder Menge Platz für Stempel. In Spanien bekommt man damit teilweise sogar Ermäßigungen. Wichtig ist dieser Ausweis aber eigentlich erst ganz am Schluss, wenn man in Santiago de Compostela angekommen ist. Dort wird geprüft, ob man die letzten 100 km wirklich zu Fuß gekommen ist, bzw. die letzten 200 km mit dem Fahrrad gefahren ist. Wenn das der Fall ist, erhält man die “Compostela”. Also eine kleine Urkunde, die bestätigt, dass man hier war und den “Camino” gegangen ist.

In Spanien ist es übrigens sehr hilfreich bei der Jobsuche, wenn man seinen Bewerbungsunterlagen eine solche Compostela beilegen kann. Das ist auch der Grund, warum sehr viele junge Menschen, die einen Ausbildungsplatz suchen, zumindest dieses letzte Teilstück gehen. Meist im Sommer in den Ferien.

Für Menschen in Sozialen Berufen ist es schon fast selbstverständlich, den Camino gegangen zu sein. Deshalb sind über die Hälfte der Menschen, die man hier trifft Spanier, dann kommt eine sehr große Gruppe von Franzosen, erst dann kommen die Deutschen und alle anderen Nationen der Welt. Die Zahlenangaben beruhen übrigens auf der Statistik von 2007 eines deutschen Herbergsvaters hier in Spanien, den ich kürzlich getroffen habe. Er meinte der Bestseller von Hape Kerkeling habe keineswegs zu einem deutschen “run” auf den Camino geführt, sondern eventuell sogar als Abschreckung gedient.

Einstweilen viele Grüße aus Spanien!

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