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Jeder lange Weg beginnt mit dem ersten Schritt

Liebe Daheimgebliebenen,

wenn man einen erfahrenen Spanier fragt, wo der Jakobsweg beginne, erhält man im allgemeinen eine Antwort die etwa so lautet: Der Weg beginnt vor Deinem Haus. Der Jakobsweg ist also in erster Linie eine Idee. Nicht automatisch eine bestimmte Strecke die von A nach B führt.

Im Mittelalter gab es eine sehr große Volksbewegung auf dem Camino, vieles war im Auf- oder Umbruch. Zahlreiche Einrichtungen für die Betreuung und Begleitung der Pilger entstanden: Klöster, Herbergen, Hospitäler, Gasthäuser und Kirchen. Für die Orte entlang der Routen bedeutete der Pilgerstrom einen neuen, wirtschaftlichen Segen. Den Jakobsweg gibt es schon seit Jahrhunderten.

Ich selbst habe erstmals bei ein paar Wandertagen in den Pyrenäen, mit Jochen und Werner sechs Jahre zuvor davon gehört. Die Idee, den Weg selbst zu gehen, trage ich also schon recht lange in mir. Trotzdem wird sich vielleicht mancher, der “meinen Camino” hier verfolgt hat, fragen: warum pilgert man heute noch? Und was bedeutet es überhaupt – zu pilgern?

Das Wörterbuch leitet den Begriff “Pilger” von dem althochdeutschen “piligrim” ab. Natürlich hat auch dieses Wort einen lateinischen Stamm. Peregrinus bedeutet: aus der Fremde kommend, aus dem Ausland stammend, – oder auch nur “der Fremde”. Der Begriff Perigrinatio ist also der Zustand des Fernseins, der Abwesenheit. Im religiös-christlichen Verständnis ist jeder Mensch ein Pilger – ein Mensch, der lebenslang auf der Suche nach Antwort ist auf die Fragen: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Generationen von Philosophen haben sich darüber ebenfalls den Kopf zerbrochen.

Wenn man versucht den religiösen Moment auszublenden, bleibt auf jeden Fall eine Erfahrung der Einheit Mensch. Man lernt wieder, dass ich der Körper, der Geist und die Seele bin. Und sie nicht nur als unabhängige Teile habe. Ich bin vielleicht nur als ‘Leib’ unterwegs – Seele und Geist kommen aber ebenfalls in Bewegung und entdecken sich neu. So viel zu diesem Thema.

Das Grab des Apostels das die Pilger berühren

Genau die richtige Zeit für mich, in Bewegung zu kommen, war heute um kurz vor acht Uhr. Als letzter lasse ich die Tür unseres herrlichen Domizils hinter mir ins Schloss fallen. Sigi, Hubert und Aase sind schon verschwunden. Auf leisen Sohlen haben sie sich davon gemacht um mich nicht zu stören.

Der Weg nach dem Frühstück ist unspektakulär, die restlichen 13 Kilometer nicht der Rede wert. Natürlich komme ich am Monte do Gozo vorbei und muss wie alle anderen in das Stadtgebiet von Santiago vordringen. Dabei habe ich noch genug Zeit mir die ganzen Sagen und Legenden in Erinnerung zu rufen, die sich um den Heiligen Jakobus ranken.

Das Grab des Apostels das die Pilger berühren

Jakobus (der Ältere – span. “Santiago” – bis ca. 44 n. Chr.) war einer der zwölf Apostel von Jesus. Er gehörte mit seinem Bruder Johannes, Andreas und Simon Petrus zu den erstberufenen Jüngern. Nach der Auferstehung Jesu befand sich Jakobus mit den anderen Aposteln in Jerusalem. Unter Herodes wurde er mit dem Schwert hingerichtet. Sowohl das Markus- wie auch das Matthäus-Evangelium erwähnen seinen gewaltsamen Tod.

In Spanien ranken sich besonders zahlreiche Legenden um ihn, weil er der Apostel gewesen ist, der nach der Himmelfahrt Jesu’ auf der Iberischen Halbinsel predigte und missionierte. Er soll eigene Jünger mit der Prophezeiung angeworben haben, dass er nach seinem Tod noch Unzählige bekehren werde. Während der Reise hatte er jedoch so wenig Erfolg, dass er eines Tages, laut Überlieferung mutlos und verzweifelt, auf Höhe des heutigen Zaragozas am Ufer des Ebros gesessen, und den Entschluss gefasst hätte, die Mission abzubrechen. Dort sei ihm aber die Jungfrau Maria erschienen, die ihm ihre Unterstützung zusicherte.

Nach einer weiteren, für den Jakobus-Kult in Santiago de Compostela grundlegenden Legende, übergaben seine Jünger den Leichnam des Apostels nach der Enthauptung einem Schiff ohne Besatzung, das später hier in Galicien, anlandete. Helfer setzten ihn weiter im Landesinneren bei, das Grab geriet jedoch in Vergessenheit. Nach der Wiederentdeckung wurde darüber eine Kapelle, später eine Kirche und schließlich die Kathedrale errichtet, um die herum sich der Pilgerort Santiago de Compostela entwickelte.

Bald wird der Weihrauchkessel in Bewegung gesetztWeitere Legenden berichten von der Wiederauffindung des Grabes zu Beginn des neunten Jahrhunderts, der Befreiung des Jakobsweges von den Mauren durch Kaiser Karl den Großen und von Wundern, die der Apostel an Pilgern auf dem Weg bewirkt hat.

Wenn man also kein Faible hat, für alte Sagen und Legenden, die dann im Verlauf der Jahrhunderte auch noch von allen möglichen Interessengruppen vereinnahmt oder umgeschrieben wurden, so kann man sehr gut nachvollziehen, dass es Leute gibt, die sich kopfschüttelnd abwenden um sich ihren eigenen Teil zu denken. Ich selbst bin trotzdem gespannt auf die Stadt und ihre berühmte Kathedrale, die übrigens auf die Rückseite der spanischen 1, 2, und 5-Cent-Münze eingeprägt ist.

An der Flussbrücke hole ich die seit Tagen humpelnde Aase ein und so gehen wir beide die letzte halbe Stunde zusammen direkt zur Kathedrale. Es ist etwa halb elf Uhr vormittags und in der Kirche ist noch kein großer Andrang. Der junge Spanier, der mir in Foncebadon die Geschichte von der “Schublade oder Suite im Himmel” erzählt hat, verspricht mir einen Platz frei zu halten, und so kann ich mich noch flugs ins nahe Pilgerbüro begeben, um meine “Compostela” abzuholen.
In dem alten historischen Gebäude stehen die Pilger fast bis auf die Straße, obwohl sich das Büro im ersten Stock befindet und dort vier Leute an dem Andrang arbeiten.

Schon hier sehe ich sehr viele Leute, denen ich schon viele Male begegnet bin und es gibt so manch fröhliches Hallo. Ebenso ist es kurze Zeit später in der Kathedrale. Es hat natürlich keinen Sinn, hier all die Leute beim Namen zu nennen, die ich in den Bänken sitzen sehe und kenne. Aber es sind bestimmt 30 bis 40 einzelne Menschen, die, ebenso wie viele andere, den Camino in unterschiedlicher Länge gegangen sind und nun mit ihren tief gehenden Emotionen kämpfen. Man umarmt und beglückwünscht sich.
Die Gefühle zu beschreiben, die mich an diesem Ort bewegen, fällt schwer, sie in diesem öffentlichen Brief darzulegen, noch schwerer. Die verkürzte Fassung lautet: Man ist erfüllt von einem Gefühl der Freude und des Glücks, dieses Ziel, nach all den Tagen, Wochen und Mühen, endlich erreicht zu haben. Viele Pilger haben Tränen in den Augen.

Messe in Santiago

Ich vertrete ja schon seit Jahrzehnten die Ansicht: wenn schon Gottesdienst, dann in einer katholischen Kirche. Den Zauber der hier entfacht wird, geniesse ich in vollen Zügen. Santiago de Compostela ist eines der bedeutendsten christliche Pilgerziele nach Jerusalem und Rom. Die Kathedrale ist jeden Mittag voll – dabei ist sie nicht gerade klein! Um zehn Minuten vor zwölf Uhr erscheint eine Nonne, die mit glockenheller Stimme den Gläubigen zuerst die Texte vorsagt, dann vorsingt und zuletzt vollen Einsatz verlangt, bei dem, was kurze Zeit später stimmlich die Messe erhöhen soll. Der Gottesdienst selbst wird von sieben Priestern aus unterschiedlichen Ländern gemeinsam zelebriert.

Hierbei wird Rücksicht auf die Internationalität der Gläubigen genommen, es gibt Textpassagen auf französich, deutsch und englisch. Die namentliche Nennung der einzelnen Pilger konnte ich mir noch nie vorstellen, sie wurde auch nicht vollzogen. Es wurde lediglich in einem trotzdem fünf Minuten dauernden Teil der Messe heruntergerattert wieviele Pilger von wo gestartet und nun angekommen sind. Also z.B. St.-Jean-Pied-de-Port – 24 Peregrinos Aleman, 18 Pergrinos Espanol und so weiter und so weiter.

Beinahe aufgegeben!Da ich nun mal ein Mensch bin für den das Gehör unheimlich wichtig ist, war für mich der schönste Teil des Gottesdienstes das uralte Lied “Großer Gott wir loben Dich”, das auch noch auf deutsch gesungen wurde. Ich habe das bestimmt schon seit 40 Jahren nicht mehr gehört. Gänsehaut-Feeling pur.

Nun noch all die persönlichen Begegnungen zu erzählen, die ich an diesem Tag und an den weiteren drei Tagen, an denen ich die Messe besuche um verlorengegangene Leute wiederzusehen, erachte ich als ziemlich sinnlos und dazu verspüre ich auch keinerlei Lust. So mancher blieb verschollen, andere tauchten wie erwartet auf. Ein kleines bisschen stolz bin ich nur auf den kleinen Spanier (Bild), den ich offensichtlich ausreichend motiviert habe. Er wollte vor ein paar Tagen schon aufgeben und umkehren. Auch er ist sichtlich erfreut mich hier wieder zu treffen.

Das einzige was jetzt noch für alle Leser interessant sein könnte, ist die Sache mit dem Weihrauchkessel. Früher war es nämlich üblich, dass die Pilger nach Ihrer Ankunft eine ganze Nacht betend in der Kathedrale verbrachten. Die Ausdünstungen der vermutlich eher ungewaschenen Menge war sicher nur schwer auszuhalten. Deshalb wurde vor dem Altar ein Weihrauchfass installiert, das an einem etwa 30 Meter langen Seil von der Decke hängt.

Der Weihrauchkessel in Santiago de Compostela - BotafumeiroAcht Männer sind nötig um die 50 Kilo des schmucken, silbernen Kessels (den Botafumeiro) herunterzulassen und dann durch die Kirche zu schwenken. Dabei soll das Fass im Lauf der Jahrhunderte schon zweimal aus der Kirche geschossen sein.

Das kann man sich gut vorstellen wenn man den Film sieht, den ich davon drehen konnte. Ich hatte sogar an zwei Tagen das Glück, diese besondere Einlage zu erleben. Obwohl mein Reiseführer behauptet, heute wäre das nur an besonderen Festtagen zu sehen.


Der Weihrauchkessel, genannt Botafumeiro, in der Kathedrale von Santiago de Compostela

Pilgern bedeutet loslassen und aufbrechen.
Pilgern bedeutet unterwegs sein – gehen auf ein unbekanntes Ziel hin.
Pilgern bedeutet innehalten und begegnen.
Pilgern bedeutet ankommen und heimkehren.

“Ultreia!” – “Es geht weiter!” das rufen die Pilgernden einander zu; der eigentliche Pilgerweg aber ist das Leben! Mein eigenes Leben wird ab morgen wieder sehr viel schöner sein. Denn dann kommt die beste Ehefrau von allen in Santiago an. Vorher muss ich mich noch dringend um ein Hotelzimmer kümmern. Das ist wichtig für das was kommen wird. Nämlich eine sehr Gute Nacht!

Die Entdeckung der Langsamkeit

Liebe Daheimgebliebenen,

füttert man Wikipedia mit dem Begriff “Bettwanze”, bekommt man in etwa folgende Information: Die Bettwanze (Cimex lectularius) ist eine Wanze aus der Familie der Plattwanzen (Cimicidae). Sie ist darauf spezialisiert, in den Schlafplätzen von Menschen zu leben und sich von deren Blut zu ernähren.

Bettwanzen sind Zivilisationsfolger und gelten als klassische Parasiten. Wegen ihrer Form und ihres Verhaltens werden sie auch Tapetenflunder genannt.

Bettwanze - Foto: Wikipedia
Sehr interessant!

Mich haben die Biester heute Nacht mehrfach in die Arme gebissen. Schon in “Villar de Mazarife”, im Refugio von Jesús, also etwa 400 Kilometer zurück, gab es Leute die erzählten, andere wären in ihren Zimmern von Bettwanzen attackiert worden. Ich fand die Vorstellung lange Zeit lustig, dass hier am Camino zuerst die Blasen versuchen die Weltherrschaft an sich zu reissen, und nun auch noch eine mir unbekannte Spezies mit dem kuschelig klingenden Namen “Bettwanze”. Persönlich begegnet ist mir so ein Tierchen nie. Bisher.

Die Stiche jucken etwas, bleibenden Schaden befürchte ich nicht und bin mit der Nacht prinzipiell zufrieden. Da sieht man mal was so ein bisschen Optimismus bewirken kann. Trotzdem steht mein Entschluss. Das war die letzte Nacht in einem Refugio oder einer Herberge. Für sehr, sehr lange Zeit.

am Monte do Gozo

Obwohl man auf dem Rest des Weges noch eine interessante Erfahrung machen könnte – was Herbergen angeht. Nur etwa fünf Kilometer vom Zentrum Santiagos entfernt, liegt nämlich der “Monte do Gozo”. Mit Blick auf die Stadt gibt es einen sogenannten Ferienkomplex mit Jugendherberge, Hotel, Campingplatz und Herberge mit 500 Betten. In heiligen Jahren (das “Año Santo” wird begangen, wenn der Festtag des hl. Jakobus, der 25. Juli, auf einen Sonntag fällt) werden zusätzlich Container aufgebaut und das Schlafkontingent auf 800 bis 1.000 Betten erhöht. Wer meint, dass das zugehört . . . .

Auf dem Camino tun sich heute seltsame Dinge. Die letzte Hochrechnung ergab eine Reststrecke von 46 Kilometern. Wobei dieses Ergebnis aus den Angaben meines modernen Reiseführers stammt, und sich nicht an den altehrwürdigen Kilometersteinen orientiert.

Teilt man diese Kilometerzahl in zwei gleiche Hälften und legt sie auf die Reststrecke an, stellt man bald fest, dass sich ein kleines Zeitproblem ergeben kann. Denn es will ernsthaft überlegt sein, wann man in Santiago ankommen möchte. Mittags um 12 Uhr findet die große Pilgermesse statt. Um einen Sitzplatz in der Kathedrale zu bekommen, empfiehlt es sich, eine Stunde früher da zu sein. Das würde bedeuten, man muss bis um 11 Uhr etwa 23 Kilometer zurückgelegt haben. Kein guter Plan.

Towe und KristinWie verlässlich die ganzen Kilometerangaben sind, weiß auch keiner so recht. Sicher ist lediglich eines: am Jakobsweg sind Kilometer oft unterschiedlich lang. Meine beiden Freundinnen Towe und Kristin aus dem hohen Norden haben das auch schon, teils entrüstet, teils erstaunt, zur Kenntnis genommen. “They have flexible Kilometers here in spain!”, lautet ihr Kommentar zum Kapitel alte Messtechnik der Iberer.

Vielleicht sind die meisten Pilger auf der vorletzten Wanderung wirklich so schwer am Kopfrechnen, dass sie dadurch langsamer geworden sind. Ich selbst verbringe den Tag damit, den gesamten Aufenthalt hier, noch einmal an mir vorbeiziehen zu lassen. Die ganzen Eindrücke und Personen. Die phantastischen Landschaften. All die netten Menschen die uns Pilger hier unterstützt, verpflegt, bekocht, motiviert oder nur gegrüsst haben. Langsam macht auch mich dieser bunte Bilderbogen, der vor meinem inneren Auge vorbeizieht.

“Die Entdeckung der Langsamkeit”, heisst ein sehr interessantes Buch von Stan Nadolny. Es handelt von dem Seefahrer und Polarforscher John Franklin (1786-1847), der wegen seiner Langsamkeit, Schwierigkeiten mit der Schnelllebigkeit seiner Zeit(!) hat. Mir fiel das Buch wieder ein, als ich die sehr lang gezogene Schlange der Wanderer beobachte und das gleiche Verhalten bei mir selbst feststelle.

Im Eukalyptuswald vor Santiago de CompostelaAlle haben offensichtlich einen Gang heruntergeschaltet und geniessen die Strecke durch die ländliche Gegend, die kleinen Dörfer und die nun großen Eukalyptuswälder. Niemand hat es eilig ans Ziel zu kommen. Nichts ist zu spüren von dem Drang, der noch gestern im Mittelpunkt stand.

Für manche ist der Weg heute, trotz des sehr flachen Streckenprofils, nochmals eine kleine Bewährungsprobe. Denn von Arzúa, einem kleinen Städtchen in dem ich frühstücke, bis nach “Santa Irene”, gibt es fast 20 Kilometer weit keine Möglichkeit in einer Herberge zu übernachten. Speziell der kugelrunde Kanadier musste sich hier einen genauen Plan machen.

Mir werden zwei andere Dinge unangenehm. Die etwa 23 Kilometer nach Santa Irene sind kein Problem, aber dann sieht die Streckenführung vor, dass man den schönen Wald- und Wiesenweg verlässt um sich schon zwei bis drei Kilometer später eventuell ein Quartier in Pedrouzo zu suchen. Da ich nicht vorhabe dort zu bleiben, lasse ich den Ort links liegen – den Ratgeber in meiner Tasche ignorierend.

Dieser hätte mir zwar gezeigt, dass ich eigentlich bis zum berüchtigten “Monte do Gozo” laufen muss, um die nächste Herberg zu finden, er hätte mir aber nicht geraten, Wasser mitzunehmen. Davon, dass ich gar nicht in einer Herberge schlafen will, hatte das kleine Buch sowieso keine Ahnung.

Am Morgen noch voll Optimismus, doch wie so oft ohne jeden Plan losgelaufen, gehe ich nun etwa neun Kilometer weit sehr durstig durch den Eukalyptuswald. Es riecht herrlich. Aber hier gibt es keine Quelle. Nicht mal einen Wasserhahn aus dem leicht gechlortes Wasser tröpfelt. Neben dem Durst quält mich also nur eine einzige Frage: warum gibt es hier keine Bar?

LandebahnMein Versuch, im einzigen Ort auf dieser Strecke, den Camino sich selbst zu überlassen, und auf eigene Faust für mein leibliches Wohl zu sorgen, sowie nach einer Übernachtungsmöglichkeit zu fahnden, scheitert ziemlich kläglich. Zwar finde ich ein Haus, das sich als Pension ausgibt, aber es öffnet niemand und auch sonst handelte es sich um einen totalen Irrweg. Unhaltbare Zustände in Amenal: Weder Bar noch Restaurant gibt es hier!

Vom Gedanken beseelt – alles nur nicht Monte do Gozo – bleibe ich auf der Landstraße und lasse die Sonntagsfahrer an mir vorbeibrausen. So lange, bis ich am Ende der Start- oder Landebahn des Flughafens von Santiago wieder auf den Camino und seine Zeichen stosse. Mourentán heisst der nächste Ort, bestehend aus ein paar Firmen, einem Kreisverkehr, Landstraße, sogar einem Bordell am Wegesrand – es gibt nun wirklich nicht mehr viel was der Pilger vermissen müsste. Ausser einer Übernachtungsmöglichkeit.

Zum Glück gibt es bald eine Abzweigung in Richtung Paradies. Ein paar Häuser, “San Paio” genannt, an einem idyllischen Fleck gelegen. Hier braust das Leben. Im einzigen Restaurant geht es zu wie in einem Taubenschlag, Radfahrer, Pilger, bekannte Gesichter. Sigi, Hubert und Aase aus Dänemark sitzen vor gigantischen Salattellern und Fischplatten, Weinflaschen, Bierkrügen. Mir ist nach diesen 33 Kilometern nur das erste Getränk wirklich wichtig.


In der herrlichen Wohnung in San PaioWie sich herausstellt kann man in diesem Haus auch übernachten. Ich bekomme das letzte Zimmer, die anderen Räume wurden schon von den zuletzt genannten Bekannten angemietet. Wir finden uns nach der Schlüsselübergabe wieder, in einer sehr großzügig geschnittenen Wohnung, die komplett, und irgendwie ein bisschen altdeutsch, eingerichtet ist. Sigi und Hubert erhalten das Eltern-Schlafzimmer mit eigenem Badezimmer, Aase muss sich das zweite Bad mit mir teilen, aber jeder von uns erhält ebenfalls ein sehr großes und sauberes Zimmer. Bei einem Preis von 20 Euro pro Person definitiv die beste Unterkunft auf dem ganzen Camino!

Alsbald rumpelt die Waschmaschine los, damit wir morgen in der Kathedrale einen guten Eindruck beim Apostel und den anderen Pilgern hinterlassen. Unser geselliges Beisammensein auf den wuchtigen Sesseln und Sofas im Wohnzimmer währt zwar nur kurz, denn jeder will sich noch ein bisschen mit sich selbst beschäftigen, sein Tagebuch oder womöglich sogar Briefe an die Daheimgebliebenen vervollständigen.

Rechenaufgaben gibt es keine mehr zu lösen. Es sind nur noch etwa 13 Kilometer bis Santiago, wir sind alle sehr gespannt auf das was uns dort erwartet, sind dankbar für den minimalen Flugverkehr und das exitierende Nachtflugverbot und gehen deshalb früh schlafen um die herrlichen Betten möglichst lange auskosten zu können. Vorher wünschen wir uns natürlich gegenseitig noch eine sehr Gute Nacht.

Buen Camino – oder doch Bon Jour?

Liebe Daheimgebliebenen,

vielleicht nervt es den interessierten Leser, von mir ständig mit der Qualität der Nacht, beziehungsweise meines Schlafes belästigt zu werden. Das könnte ich verstehen, führt aber vielleicht auch zu einem besseren Verständnis meines “Leidens”. Davon zu lesen ist eine Sache. Es zu erleben weitaus unangenehmer.


Gelbe Pfeile gibt es überallDie vergangene Nacht hätte im Prinzip eine Gute sein können. Jedoch: es gab in der Nähe der Herberge einen verhaltensgestörten Hund. Der Stimme nach ein Schäferhund. Dieser fing mitten in der Nacht zu bellen an und hörte damit nicht mehr auf. Ein stundenlanges, immer wiederkehrendes, höchst unangenehmes Geräusch. Kein wildes Kläffen, sondern ein fast rhythmisches, unaufgeregtes Bellen im Dreiertakt. Schlicht Nervenzerfetzend. Es wird für mich immer ein Rätsel bleiben, wie der Hundebesitzer selbst, und alle Einwohner des Dorfes das dauerhaft ertragen können.

An Schlaf war nicht mehr zu denken und so saß ich alsbald einem Barmann gegenüber, dessen Schlüssel vom aufschließen noch auf der Theke lagen und der erst alle elektrischen Geräte der Reihe nach einschalten musste, wobei er selbst noch gar nicht richtig wach schien. Vermutlich hat er mich und die anderen drei bis vier Wanderer, die ebenfalls auf ihren Café warteten, innerlich abgrundtief gehasst!

Der gestern schon beschriebene Drang weiter zu gehen, schob mich deshalb noch bei Dunkelheit auf die schmale Landstraße. Hier war ein kleiner, sehr dicker Kanadier unterwegs, der ebenfalls die Nacht in meiner Herberge verbracht hatte, und den offensichtlich nichts mehr im Bett hielt. Dank seiner Stirnlampe konnten wir uns fortbewegen.

Gegenverkehr Die ihn umgebende Leibesfülle führt dazu, dass er nie weiter als 20 Kilometer am Tag läuft und deshalb schon am 14. August in St.-Jean-Pied-de-Port gestartet war. Sein Humor war von der brottrockenen Sorte. Lustig fand ich seine “Berg”-Theorie. Er vertrat die Meinung, er könne steile Streckenabschnitte wesentlich besser bei Dunkelheit laufen, weil er sie dann nicht sehen würde…! Vielleicht war er deshalb schon so früh unterwegs.

Nach “Palas de Rei” sind es nur eineinhalb Stunden, der Tag ist also noch jung. Trotzdem wurde ich scheinbar erwartet. Am Eingang des Ortes befindet sich eine uralte Bogenbrücke. Der kurze Weg danach führt genau auf den Eingang einer ebenso alten Kirche zu, in deren Tür ein Padre steht und Pilger zu sich winkt. Auch mich. Er verpasst meinem Credencial – also meinem Pilgerpass – gleich zwei unterschiedliche Stempel und trägt gewissenhaft in eine Liste ein, aus welchem Land ich komme. Er spricht nur spanisch, aber seine Aufforderung mich in die Bank zu setzen um das zu tun, wozu es Kirchen gibt, verstehe ich auch so.

Als ich kurz darauf gehen will, fängt er mich an der Kirchentür nochmals ab, klopft mir den Staub der Landstraße von der Schulter und sagt, sehr deutlich ausgesprochen: “Auf Wiedersehen”. Sehr nett.

Nur noch 60 Kilometer.Der weitere Weg in die kleine Stadt Mélide führt auf unbefestigten Feld- und Waldwegen stets auf und ab. Eine schöne Wanderung, von etwa 15 Kilometern Länge. Am Ortsausgang von Mélide treffe ich auf einen jungen Spanier, der mich, trotz Bandage am Knie, schon einmal überholt hat. Hier sitzt er nun auf einer Bank und leidet vor sich hin. Er erklärt mir, er werde umkehren, weil er nicht mehr weiter könne. Dabei ist er erst seit Sarria – also etwas über 40 Kilometer – auf dem Weg. Das bringt mich dazu ein bisschen Motivationsarbeit zu leisten und etwas anzugeben. Ich weise ihn also auf mein biblisches Alter hin, packe meinen, inzwischen aneinandergehefteten, doppelt langen Pilgerpass aus, und zeige ihm, wo ich herkomme. Was ihn beeindruckt. Ein plötzlich über uns kreisender Hubschrauber macht die weitere Verständigung unmöglich und so überlasse ich ihn seinem Schicksal.

CredencialDer Camino verläuft weiter durch eine Kette von kleinen Weilern, die Landschaft ist abwechslungsreich, die Vegetation verändert sich langsam. Erstmals gehe ich durch einen Eukalyptuswald, in den Gärten sind mediterrane Gewächse wie Palmen und Bougainvilleas zu sehen.

Der Eingang der Kirche liegt hier hinter dem AltarIn dem kleinen Dorf Boente steht wieder ein Padre im Eingang seiner kleinen Kapelle und stempelt bereitwillig Pilgern den Credencial. Auch er führt eine Liste in der er die Nationalitäten seiner Schäfchen festhält. Bei ihm betritt man die Kirche hinter dem Altar, was ich auch noch nie zuvor gesehen habe.

Wie schon an anderer Stelle erzählt, häufen sich die „Buspilger“ auf dem Jakobsweg, je näher man Santiago de Campostela kommt. Mir geht seit zwei Tagen ein Bus voller Franzosen auf den Wecker. Nicht dass ich prinzipiell etwas gegen unsere europäischen Nachbarn hätte. Ganz im Gegenteil. Aber ich mag prinzipiell keine Buspilger und dass die Mitglieder der „Grand Nation“ einen ziemlichen Tick haben, was ihre Sprache angeht, finde ich nicht angenehm.

Wir befinden uns bekanntlich schon etwa 750 Kilometer von der französischen Grenze entfernt, tief im landesinneren Spaniens. Jeder Pilger, egal ob er aus Korea, Neuseeland, Italien, Brasilien oder Deutschland kommt, grüßt den anderen hier mit dem spanischen „Buen Camino“. Die einzigen die eisern an ihrem „Bon Jour“ festhalten, sind die Franzosen. Mit Gedankenlosigkeit kann das nichts zu tun haben. Für mich ist das totale Ignoranz.

Singende BuspilgerAußer den Buspilgern werden die 200-km und vor allem die 100-km-Spanier zunehmend auffällig. Wie schon in einem anderen Kapitel beschrieben, genügt es nachweislich 100 Kilometer auf dem Camino zu laufen, um in Santiago die Compostela ausgehändigt zu bekommen. Und aus diesen 100 Kilometern machen die Spanier gerne einen Familien- oder Gruppen-Ausflug.

Auf dem Weg rotten sich seit Sarria immer mehr laut parlierende Iberer zusammen, die überhaupt nichts mit stiller Einkehr oder persönlicher Sinnsuche am Sonnenhut haben. Party ist angesagt! Es ist schwierig bei diesem Lärm das seelische Gleichgewicht oder gar die eigene Mitte zu finden. Mir hilft beim Suchen vor allem Loreena McKennitt und erneut Carlos Núñez aus der Musikbibliothek, das ganze Gedöns auszublenden.
Ich wünsche den Krawallmachern jede Menge Blasen an die Füße!

Meine Ziel des Tages erreiche ich nach 34 Kilometern. Die malerisch an einem Bach gelegene Herberge in den uralten Gebäuden von „Ribadiso da Baixo“. Etwa 60 Betten verteilen sich hier auf mehrere alte Steinhäuser. Es gibt zwei komplett ausgestattete neue Sanitätsgebäude mit allem was der Pilger braucht, dazu einen großen Garten , das Bachufer und ein kleines Restaurant nebenan.

Das Bächlein in Ribadisu da BaixoSeltsamerweise kenne ich in dieser Herberge außer ein paar besonders nervigen Spaniern niemand. Meine persönliche Entwicklung sorgt aber dafür, dass ich mich am Abend nicht alleine an einen Restaurant-Tisch verkrümele, sondern offensiv dem etwas zauseligen Australier Peter meine Gesellschaft andiene und mit ihm das Pilgermenü verspeise. War auch ein interessanter Abend.

Alle hier wissen es. Es sind nur noch 46 Kilometer bis nach Santiago. Alle sind gespannt wie sich das anfühlen wird. Am Ziel zu sein. Und manche machen sich tatsächlich Sorgen darum, ob sie gut schlafen werden. Ich selbst bin ja immer Optimist, höre nur auf das Gurgeln des Baches vor meinem Fenster und bin deshalb absolut sicher: das wird eine Gute Nacht!

Ultreia! und Urlaub vom Pilgern?

Liebe Daheimgebliebenen,

in Portomarin herrscht am Morgen dicker Nebel, es ist aber sehr mild und es wird bestimmt noch ein schöner Tag. Über die ersten zwei Stunden des Weges kann ich nichts berichten. Zwar ging es, wie so häufig, an einer Landstraße entlang, aber der Verkehr war harmlos und die Pilger durften auf einen kleinen Weg neben der Asphaltstrecke ausweichen. Die einzige kurze Belästigung betraf meinen Geruchsinn, eine stinkende Geflügelfarm am Wegesrand war die Ursache.

Horreo im NebelZu sehen gab es außer dem dichten Nebel lange Zeit nichts. Lediglich das geheimnisvolle kleine Gebäude in der Morgensonne erregte meine Aufmerksamkeit (Bild). Diese Hórreos, häufig aus Granit gebaut, sind hier in Galicien sehr weit verbreitet und teilweise uralt. Sie werden als Aufbewahrungsort für Mais, Zwiebeln oder Kürbisse verwendet, um diese vor Nagetieren und Feuchtigkeit zu schützen.

Das langsame verschwinden der Nebelschwaden fällt etwa mit dem erreichen von Gonzar, bzw. von Hospital da Cruz zusammen. Hier scheint die Sonne dem Pilger auf den Bauch. Trotz der frühen Stunde sind die Stühle vor den Bars alle besetzt und die Wanderer sehen optimistisch und gut gelaunt aus der noch wenig verschwitzten Wäsche.

Kirche in PortomarinDer vor ihnen liegende kleine Rest der Gesamtstrecke ist sicher dafür verantwortlich. Die etwa 90 Kilometer bis Santiago, sind für jemand der schon 500 oder 600 davon hinter sich hat, eine überschaubare Menge. Man verspürt große Gelassenheit, hat inzwischen reiche Erfahrung und verfügt über das Wissen um die anstehenden Streckenprofile und wie damit umzugehen ist.

Ebenso individuell wie die Beweggründe der einzelnen Pilger, sind ja die Zeitfenster die sie zur Verfügung haben. Meine 25 Tage sind nun schon fast um, die meisten haben einen wesentlich längeren Zeitraum zur Verfügung. Diejenigen, die weniger Zeit haben, sind eventuell erst in Burgos (506 km) oder León (325 km) nach Santiago gestartet.

Allen gemeinsam war scheinbar das Gefühl des getrieben seins. Man ist nicht gestresst, verspürt aber schon den Drang – ja, Drang ist das richtige Wort dafür – immer weiter zu gehen. Auf dem Jakobsweg grüßen sich die Pilger heutzutage mit “Buen Camino“. Der uralte Pilgergruß (den niemand benutzt) lautet aber eigentlich “Ultreia“. Was so viel bedeutet wie vorwärts, weiter voran. Der lateinische Wortstamm ultra=’darüber hinaus’, ist darin nur unschwer auszumachen, ebenso wie der Drang den ich verspüre. Nur Leute die sich hier Verletzungen oder Krankheiten zuzogen, haben pausiert. Bisher habe ich keinen einzigen Menschen getroffen, der sich einen echten Ruhetag mit einem Buch in der Hand oder anderer Beschäftigung gegönnt hätte. Denn selbst Tage in Städten sind ja meist mit großer Aktivität ausgefüllt.

Hinter PortomarinIch konnte mir das selbst nicht vorstellen und lange Zeit führte ich in meiner Gesamtplanung zwei vorgesehene Ruhetag mit. Aber die tägliche Wanderung ist hier eine Selbstverständlichkeit, über die man nicht nachdenkt und deren Sinn man auch nicht hinterfragt. Den Spruch, vom Weg der das Ziel sei, habe ich schon an anderer Stelle bemüht. Seine Ziele mehr oder weniger hartnäckig zu verfolgen, wird dem Mensch ja schon in die Wiege gelegt.
Vielleicht war dieser kurze Ausflug in die Gesamt-Motivation und Mentalität des Pilgerns ganz interessant, trotzdem möchte ich wieder in die leicht nebligen Niederungen bei Hospital da Cruz zurückkommen.

Dort begegne ich erneut den beiden lustigen Norwegerinnen Kristin und Towe, die bei jedem unserer Zusammentreffen lässig in einer Bar sitzen. Mir ist nicht ganz klar, wie die beiden das bewerkstelligen. Vielleicht testen sie in Wirklichkeit die spanische Gastronomie und haben heimlich ein Auto um die Ecke geparkt. Bei unserem heutigen Gespräch geht es jedenfalls um den verspürten Drang und das oben geschilderte Pilgerverhalten.

Zum jetzigen Zeitpunkt bin ich auf dem Camino schon etwa 15 Kilometer weiter, als es meine Zielsetzung erwarten würde. Die Idee, die beste Ehefrau von allen könne deshalb eventuell einen Tag früher als geplant mit mir in Santiago zusammentreffen, wird in der Umsetzung nur von der Fluggesellschaft verhindert. Air Berlin kann keinen freien Sitzplatz in früheren Flügen zur Verfügung stellen. Diese Tatsache, und die vorher bewusst gewordene Verhaltensweise, bringen mich dazu, mir einen freien Nachmittag zu nehmen.

Nur sechs Kilometer hinter Hospital da Cruz kommt der Pilgerstrom zunächst durch Ligonde, wo eine sehr kleine und sympathische Herberge zum verweilen einlädt. Diese ist aber wegen der frühen Stunde, es ist gerade mal 12:30 Uhr, noch gar nicht geöffnet.

Nur ein paar Minuten später gelangt man nach Areixe. Hier laden zwei recht große Bars/Restaurants zum verweilen ein und auch hier gibt es eine neue Gemeindeherberge in der ehemaligen Dorfschule, in der ich schließlich strande. Das Dorf hat nur 35 Einwohner und eine daraus resultierende vernünftige Anzahl von Häusern.

Gelbe Pfeile gibt es überallEin bisschen Aufmerksamkeit erregt nur die trügerische Stille hier, sowie ein dicker alter Mann, der sich, offensichtlich schon mittags betrunken, in einem Garten neben der Herberge aufhält. So wie ihn habe ich nie zuvor jemand schlafen sehen. Er legte sich irgendwann seitlich auf die harten Steine der Terrasse, aber so, dass sein Kopf den Boden nicht berührte und auch ohne einen Arm unterzulegen. Zwischen seinem Kopf und den Steinplatten klaffte exakt der Abstand, der sich durch seine Schulterbreite ergab. In dieser Position verbrachte er gut eine Stunde, ehe ihn jemand holen kam und ins Haus führte.

Gestern habe ich davon erzählt wie angenehm es ist, gegen Abend in ein Restaurant zu gehen und die Pilger dort zu kennen. Durch meinen faulen Nachmittag, den ich eigentlich ganz fleißig mit dem Verfassen dieser Briefe zugebracht habe, wurde ich wieder aus meiner letzten Pilgerschar gerissen. Und so lerne ich heute zunächst Ernst und Joachim, zwei radfahrende Pilger aus der Ecke Koblenz kennen. Am Tisch sitzt außerdem Ute aus der Schweiz und eine ältere Frau aus Hamburg, deren Namen ich nicht weiss, die mir aber die verrückteste Geschichte erzählt, die ich bisher gehört habe.

Typische Mauer in GalicienSie ist eigentlich mit einer Freundin hier unterwegs, die beiden haben sich aber inzwischen aus den Augen verloren. Der namenlosen Frau ging das Geld aus und aus welchen Gründen auch immer, funktionierte ihre EC-Karte hier nicht. So musste sie telefonisch Hilfe in der Heimat anfordern und benötigte eine Geldanweisung. Eine derartige Anweisung kann man, laut ihrer Erzählung, aber nur in größeren Städten auf der Post entgegen nehmen. Deshalb fuhr sie mit einem Bus nach Santiago, holte dort Geld ab und ließ sich mit dem Taxi wieder zurück nach Portomarin fahren um die ganze Strecke dann nochmals zu laufen.

So sind sie. Die echten Pilger!

Erwähnung verdient hat sich hier in Areixe, die durch und durch motivierte Köchin des Restaurants. Dass wir ihre Fleischspieße und den Salat lecker fanden, hat sie scheinbar derartig erfreut, dass sie persönlich aus der Küche kam und uns zum Dessert noch Pfannkuchen mit Schokosoße und Sahne zuerst versprach und dann persönlich servierte. Dass das alles mit zwei großen Gläsern Bier und einem Café als Pilgermenü für 9,50 durchging schonte meine Kasse extrem.

Die tiefstehende Sonne konnte gegen die nahende Kühle der kommenden Nacht nichts ausrichten und so musste man sich hier recht früh zurückziehen. Wieder liege ich also in einem Stockbett und subtrahiere bis ich zum Ergebnis komme: es sind noch 80 Kilometer nach Santiago und ich erwarte hier wirklich eine – Gute Nacht.

Pulpo a feira

Liebe Daheimgebliebenen,

ausser dem fehlenden Kopfkissen und weiteren unvorteilhaften Gegebenheiten ist schnell noch ein Schuldiger an meiner grauenhaften Nacht benannt: der zunehmende Mond. Denn leider hat der spanische Mond die gleichen negativen Auswirkungen auf meinen Schlaf wie der, der mich in Mittelfranken behindert.

Pilgergemälde in SarriaUm kurz nach sieben Uhr sind von mir schon sämtliche Jobs erledigt, die man als Pilger so hat. Ausser der morgendlichen Katzenwäsche auch das Tütenknistern und packen des Rucksacks. Wenigstens gibt es gegenüber des Klosters eine Bar die schon auf hat. Obwohl ich nun schon über drei Wochen unterwegs bin und mich in dieser Zeit mehr als 650 Kilometer Richtung Westen bewegt habe, merkt man die veränderten Zeiten von Sonnenauf- und untergang deutlich.

Auf Tageslicht muss man jetzt wesentlich länger warten. Es hilft also wenig früh auf den Beinen zu sein, man müsste auch besser ausgerüstet sein um in der Dunkelheit bestehen zu können. Zumindest sollte man über eine Stirnlampe verfügen.

Tiermarkt in SarriaDen Bars in Spanien fehlt es nicht an elektrischem Licht, und so schlage ich beim Frühstück in einer solchen ein bisschen Zeit mit Sigi und Hubert tot, einem Ehepaar dem ich hier schon mehrmals begegnet bin. Die beiden haben lange in Erlangen gewohnt, finden es nun aber im Tessin schöner. Was ich gut nachvollziehen kann.

Wegen der frühen Stunde bin ich der Ansicht, es könne an der Landstraße von Samos nach Sarria nicht allzuviel Verkehr herrschen, und verzichte deshalb, bisher wenig erleuchtet, auf eine Abzweigung des Camino, die mich zumindest zeitweise durch wilde Natur schicken würde. Ergebnis dieser Entscheidung: die annähernd 12 Kilometer nach Sarria enden scheinbar nie, die Autofahrer und Lkws sind überaus zahlreich und auch noch rücksichtslos. Vermutlich haben sie die verdammten Peregrinos auf “ihrer” Straße sowas von satt . . .

Sarria ist ein nettes Städtchen. So weit ich das beurteilen kann. Dank meiner guten Navigationsfähigkeit schaffe ich es recht schnell aus der neuen Unterstadt in die schöne Altstadt zu gelangen, die auf einem Hügel liegt. Leider verpasse ich dabei auch eine hilfreiche Einrichtung aus der Neuzeit: einen Bankomat. Wie schon in Samos ist es auch hier recht kühl und obendrein sehr neblig.

Ein Kessel voller PulposTrotzdem übersehe ich den Vieh- und Lebensmittelmarkt nicht, der dreimal im Monat nahe des alten Festungsturms stattfindet. Es gibt eine große Halle in der vom Feder- bis zum Rindvieh über Stallhasen und Schafe alles verkauft wird. Es wird lautstark gefeilscht und gehandelt.

Als feste Einrichtungen gibt es im Aussenbereich eine Vielzahl von ganz einfachen gastronomischen Einrichtungen, deren Mobiliar nur aus groben Bänken und Tischen besteht. Zusammen genommen können in all diesen Lokalitäten bestimmt 400 bis 500 Personen Platz finden.

So wird der Pulpo serviertSpeisekarten sehe ich keine. Gäste auch nicht. Aber es ist ja auch erst zehn Uhr morgens. Nur zwei Bauern die sich hier niedergelassen haben, um vielleicht einen gelungenen Handel zu feiern. Sie essen beide das scheinbar einzige, was es hier gibt. Pulpo a feira. Jedes Lokal verfügt über große Kupferkessel die mit Gaskochern befeuert werden. Darin werden die rötlichen Kraken in Wasser gekocht. Man kann jetzt nicht unbedingt sagen, dass diese lokale Spezialität besonders anziehend auf mich gewirkt hat, aber die beiden Bauern aßen mit großem Appetit einen ganzen Holzteller voll von den Krakenarmen, die ihnen die Wirtin mit einer Schere in Scheiben geschnitten, mit Öl beträufelt und mit grobem Meersalz und Paprika gewürtzt hatte.

Der Nebel lag immer noch über dem Gelände und trotz der frühen Stunde kam ich nicht umhin mir auch eine Portion zu bestellen, was trotz der Sprachbarriere nicht schwierig ist.

Eine kleine Portion Pulpo zum FrühstückAusser Brot und Wein gibt es nichts dazu. Wobei ich auf letzteren wegen der Uhrzeit verzichtet habe. War lecker – mit 8,50 nicht ganz billig (wenn man Pilgermenüs gewohnt ist), der Pulpo aber ganz zart, die Situation urwüchsig und sehr authentisch.

Auch in anderen größeren Ortschaften Galiciens gibt es die sogenannte Pulperías, so wie es in Nürnberg eben Bratwurststände gibt. Etwas verwunderlich finde ich nur, dass es derartiges nicht nur an der Küste, sondern auch im Landesinneren gibt.

Das Städtchen Sarria endet hinter Festplatz und Friedhof ziemlich unvermittelt und entlässt den Pilger bald in einen schönen Waldweg, wo er sich vom morgendlichen Stress der Landstraße erholen kann, bis er nach etwa vier Kilometern durch schönes Gelände in Barbadelo ankommt.

Bis hierher sind es seit Samos aber nur 16 Kilometer. Für die blasenlosen Füße eines inzwischen mit allen Wassern gewaschenen Pilgers recht wenig als Tagesleistung. Da geht man doch erst mal noch ein Stück weiter, nach Morgade und Ferreiros.

Corredoira - typischer Hohlweg in GalicienDie ganze Gegend ist malerisch, es gibt zahlreiche kleine Siedlungen und Dörfer. Sehr schön. Wirklich wichtig ist für den Wanderer auf diesem Streckenabschnitt aber ein Markierungsstein am Wegesrand, auf dem die Zahl 100 steht.

Der moderne Reiseführer in meiner Hosentasche findet die Angabe zwar lächerlich und behauptet, dort wo 100 drauf steht, wären noch 109 Kilometer bis Santiago drin, aber der Stein ist alt und ehrwürdig und ab sofort folgt alle 500 Meter ein weiterer dieser Steine, so dass wir wegen der neun Kilometer Differenz gnädig ein Auge zudrücken und den Countdown genießen.

Nur noch 100 Kilometer nach Santiago. Oder doch noch 109?Nach der Nacht im Kloster Samos habe ich mir vorgenommen so schnell kein Refugio mehr aufzusuchen. Und so lasse ich nach 24 Kilometern auch die Ortschaft Ferreiros links und rechts liegen, bevorzuge also die Distanz von weiteren neun Kilometern bis nach Portomarin. Was recht seemännisch klingt, mit dem Meer aber wenig zu tun hat. Wegen der vielen “Buspilger” in der Ortschaft bekomme ich nur mit Mühe ein Zimmer in einem Hostal. Aber es ist sauber, kostet nur 25 Euro, ist für mich alleine und liegt direkt am verkehrsberuhigten Hauptplatz des kleinen Städtchens.

Das schöne am Pilgerdasein ist die Möglichkeit sich (fast) jederzeit mit Menschen unterhalten zu können, die man kennt. Begibt man sich also an einem Etappenziel am Spätnachmittag in die Nähe eines Restaurants oder einer Bar, findet man sofort Gesellschaft, die man sich auch noch aussuchen kann. Mein Abend in norwegischer Damengesellschaft (auch mit diesen beiden Damen habe ich schon “geschlafen”) ist lustig und obendrein auch noch recht interessant, wie so vieles hier.

Zum einen erfahre ich, dass das alte Dorf Portomarin in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, wegen eines Stausees geflutet wurde. Gerettet wurden nur die beiden Kirchen des alten Ortes. Diese hat man Stein für Stein ab- und an neuer Stelle wieder aufgebaut. Aus diesem Grund tragen die alten Steine, aus denen die Kirchen gemacht sind, heute noch Nummern.

 Blick auf Portomarin - Stausee mit viel zu wenig WasserZum zweiten entgeht meinem feinen Gehör nicht, dass das Glockenläuten, das zur Abendandacht ruft, aus einem Lautsprecher kommt. Also entweder vom Band oder per Funkübertragung von einer anderen Kirche. Unglaublich, aber wahr! Und die dritte Besonderheit: hier kann man im Restaurant seine Bestellung auf deutsch aufgeben. Der Wirt hat 24 Jahre lang in Deutschland gearbeitet.

Von den paar Schlucken Wein, die ich im Verlauf des abends aus meiner Karaffe genommen habe (eigentlich nur um die Qualität des Getränks zu überprüfen und sicherzustellen dass die Damen aus Norwegen keinen Schaden nehmen) muss wohl der ein- oder andere zu viel gewesen sein. Die Endabrechnung des Tages gelang trotzdem recht schnell. Es sind noch 97,6 Kilometer nach Santiago und ich wünsche deshalb, ganz schnörkellos, allen Lesern eine Gute Nacht.

Gregorianisches in Samos

Liebe Daheimgebliebenen,

das grüne Herz von Galicien zeigt sich an diesem Morgen gleich von seiner besten Seite. Noch immer befinde ich mich auf 1.250 Metern Höhe und geniesse auf der heutigen Wanderung zunächst einen phantastischen Ausblick. Die aufgehende Sonne taucht das Land in ein geheimnisvolles Licht, im Tal wabern Nebelfelder.

Nebel im Tal - Das Panorama in FonfriaIn Galicien gibt es noch immer ein keltisches Erbe, an das eine starke Bindung besteht. Die “Gallegos”, also die Einwohner Galiciens haben auch heute noch eine eindeutig zweideutige Einstellung zu Hexen und ihrem Aberglauben an die übernatürlichen Kräfte von Steinen und dem Meer. Sie sagen einfach: “Ich glaube nicht an Hexen. Aber es gibt sie”. Man findet überall uralte Symbole des keltischen Kulturkreises und auch die galicische Volksmusik hat den gleichen Klang wie die auf den britischen Inseln. Verwendung findet auch hier ein Dudelsack, die sogenannte ”Gaita”.

In circa eineinhalb Stunden laufe ich von meinem stillen Gasthof bis nach Fonfría beziehungsweise nach “O Biduedo”, kleine Weiler, wo sich Gott bestimmt gerne aufhält, wenn er seine Ruhe haben will und mal nicht in Frankreich lebt. So schön ist es hier.

Dank meiner mobilen Musikbibliothek kann ich mir die Musik der Gaita-Spieler Carlos Nunez und Hevia anhören, die hierher passt. Meinem Grundsatz, auf jeden Fall mehr als die Hälfte des geplanten Tagespensums zurückzulegen bevor ich mir die erste Pause genehmige, muss ich hier einfach untreu werden. Siehe Bild oben.

Bernardo betrachtet seine HeimatAm Ende der Rast schließt sich mir mein spanischer Freund vom Vortag, Bernardo, der etwas orientierungslose Seemann wieder an. Er ist sehr verwundert darüber mich einzuholen, ist er mir doch gestern noch enteilt. Aber das ist nur ein typisches Beispiel dafür, wie es bei mehreren Übernachtungsmöglichkeiten am Weg gehen kann. Ich bin zwar nicht schneller, aber dafür sieben Kilometer weiter gelaufen als er.

Bis “Triacastela” gehen wir wieder gut gelaunt zusammen und genehmigen uns mittags ein großes Abschieds-Bier. Denn ich werde eine Alternativ-Route gehen, mein Ziel ist “Samos”. Hier gibt es eine Benediktiner-Abtei. Die Ordensregeln des Heiligen Benedikt gelten zwar erst seit dem 10. Jahrhundert, gegründet wurde das Kloster aber bereits im 5./6. Jahrhundert und gilt somit als eines der ältesten Klöster der westlichen Welt.

In Triacastela unter den uralten KastanienVon den erwarteten uralten Gebäuden ist nichts mehr zu sehen, wurde doch an der Anlage immer wieder herumgebaut. Im Jahr 1951 musste gar ein Großteil der Gebäude wieder neu aufgebaut werden. Ein Tank reinen Alkohols war in der Schnapsbrennerei des Klosters in die Luft geflogen und hatte einen verheerenden Großbrand ausgelöst.

Der Weg nach Samos führte aus Triacastela heraus zunächst etwa fünf Kilometer an der viel befahrenen Landstraße entlang, bevor sich der genervte Pilger ins Gelände verabschieden durfte. Dieser Weg war dann allerdings sehr schön. Dichte Laubmischwälder wechselten sich mit saftigen Weiden ab, ein stilles Bächlein plätscherte, und große Schiefertafeln konnte man als Weidezaun bewundern. Zivilisation gab es kaum am Wegesrand.

Dafür gehört das Refugio des Klosters in Samos in die Kategorie “Albtraum eines Pilgers”. Das beginnt schon mit der Lage des Schlafsaales (68 Betten in einem großen Raum). Direkt neben dem Eingang gibt es eine Zapfsäule, die einzige Tankstelle des Ortes wird hier betrieben. Der Rest der Klosteranlage liegt übrigens sehr schön an einem Flüsschen, mit Garten und kleiner Weide für die Kühe des Hauses.

Auf dem Weg nach SamosDer Schlafsaal ist ein hoher Raum, was prizipiell für ihn spricht, die Sanitäranlagen sind direkt nebenan untergebracht, leider nur durch eine sehr laut quietschende Tür abgetrennt, damit die anderen Schläfer auch etwas davon haben, wenn nachts jemand die Örtlichkeiten benutzt. Der einzige Service den es hier gibt, ist die Möglichkeit sich die Beine massieren zu lassen. Zwei Beine komplett für 20 Euro, nur vom Knie abwärts für 10 Euro. Ansonsten gibt es gar nichts. Nicht mal einen Getränkeautomaten.

Zwar sind zwei weitere Herbergen mit besseren Bewertungen in Samos vorhanden, aber ich brauche es heute irgendwie “hart und dreckig”. Womit ich nicht den Verdacht aufkommen lassen will, das Refugio wäre unsauber gewesen. Die alten Spartaner hätten ihre Freude daran gehabt.

Das Refugio mit TankstelleMich sticht einfach der Hafer und vermutlich habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich die Nacht zuvor so hervorragend geschlafen habe. Vielleicht gehört sich das nicht für einen ordentlichen Pilger – oder es liegt an meinen positiven Erfahrungen mit dem schönen Kloster in Dietfurt die ich hier vergeblich assoziiere.

Der einzige Grund, warum ich überhaupt hierher nach Samos gekommen bin, sind meine Ohren. Um 19:30 Uhr beginnt in der Klosterkirche nämlich die Vesper, respektive der Convent. Eine Andacht die komplett von den 17 oder 18 Mönchen die hier aktiv sind, gesungen wird. Also Gregorianischer Gesang. Und das will ich unbedingt hören.

Die Klosterkirche in SamosLeider sind die Herren heute nicht gut bei Stimme, unlustig oder gelangweilt. Der Vorsänger ist gut, alle anderen sind, sehr zu meinem Leidwesen, einfach indisponiert und zu leise. Okay – man kann sagen: “Wo kämen wir denn hin wenn jetzt auch noch Gottestdienste bewertet würden?”. Aber ich bin deshalb extra zehn Kilometer gelaufen und nehme mir zumindest das Recht zu urteilen: das musikalische Moment blieb deutlich hinter den hohen Erwartungen zurück – Punkt. Zum Glück habe ich mir im Klostershop keine CD von den Jungs gekauft.

In Samos ist es sehr schattig und kühl am Abend, Sitzgelegenheiten gibt es nicht viele, man muss sich also früh zurückziehen. Zum Glück macht die Tankstelle irgendwann zu und so rechne ich schnell nochmals nach – stimmt: es sind noch 131 Kilometer nach Santiago.

Kloster Samos von seiner schönen SeiteIrgend etwas ist immer schuld daran. Hier bestimmt die Tatsache, dass ich kein Kopfkissen habe. Schuld woran?
Natürlich an der Aussicht, dass ich wieder keine haben werde: eine Gute Nacht.

Gefährten und Wunderliches

Liebe Daheimgebliebenen,

die Einleitung meines gestrigen Briefes über meine Sicherheit was den richtigen Weg angeht, findet heute in gewisser Weise ihre Fortsetzung. Ab dem Morgengrauen, also etwa um 7:30 Uhr bin ich zunächst mit Bernardo, dem Kapitän aus Barcelona unterwegs. Wir hatten uns nicht verabredet. Der Camino hat uns zusammengeführt – wie mancher sagen würde. Denn Bernardo ist genau einer jener Pilger, der bei kleinen Unklarheiten, was den weiteren Weg angeht, sehr unsicher ist. Dazu passt die Geschichte, die er mir von seiner Ankunft in Ponferrada erzählt.

Der schwarze Hund von TrabadeloEr sei erst um 20:30 Uhr in der Stadt angekommen und hätte dann die Pilger-Herberge gesucht aber nicht gefunden. Die Zeichen des Camino seien ihm nicht begegnet und obendrein habe er beim herumirren irgendwann bemerkt, dass sein Rucksack offen steht und bereits einige Kleidungsstücke hinter ihm auf der Straße liegen.
Bernardo ist Kapitän zur See – offensichtlich an Land etwas orientierungslos. Vielleicht fehlt ihm ein Sextant. Ich bin zunächst also sein Navigator bis wir uns nach ein paar Stunden wieder trennen. Unser Laufrhythmus passt nicht gut zusammen, er geht mir zu schnell und zu nervös. Vielleicht muss er sich erst eine Blase laufen und sein Handy ausschalten. Letzteres rate ich ihm dringend.

In einem Ort namens Trabadelo treffe ich dann auf einen neuen Weggefährten. Neben drei anderen Hunden die dort im Dorf, trotz der durchführenden Landstraße, allein herumlaufen, befindet sich auch ein recht großer schwarzer Hund, der ein bisschen Ähnlichkeit mit einem Dobermann hat aber harmlos scheint.

Die zweite Herberge in La FabaDa ich seit dem zweiten Tag hier einen Wanderstab benutze (wovon ich übrigens beinahe auch noch eine Blase an der zarten Maus-Hand bekommen hätte), fühle ich mich recht sicher. Denn viele Hunde ziehen den Schwanz ein und legen den Rückwärtsgang ein, wenn sie Peregrinos mit Stöcken begegnen. Scheinbar verbinden sie damit die ein- oder andere unerfreuliche Erfahrung.

Der erwähnte schwarze Hund nicht. Er läuft mir sehr lange Zeit nach, dann überholt er mich und verschwindet aus meinem Blickfeld. In der nächsten Ortschaft wartet er scheinbar auf mich und geht ab da immer einige Schritte vor oder hinter mir. Manchmal rennt er voraus, als wenn er wichtige Dinge zu erledigen hätte, bleibt kurz unsichtbar und wartet an anderer Stelle wieder auf mich.

In der Ortschaft Ruitelán beginnt der Aufstieg von der Ebene (ca. 600 Meter), zum “O Cebreiro”, der 1.330 Meter hoch ist. Auch hier bleibt der Hund in meiner Nähe. Inzwischen schon seit fast acht Kilometern. Weitere fünf Kilometer später, kurz vor dem kleinen Weiler “La Faba”, kommt uns an einer schmalen, hohlwegartigen Passage eine Bäuerin mit ihren Kühen entgegen, die sie auf eine nahe Weide treibt. Unterstützt wird die Frau dabei von ihrem eigenen, bellenden Vierbeiner. Hier ist es dann mit der Gefolgschaft meines schwarzen Freundes vorbei.

Pilgerdenkmal vor der Herberge in La FabaWas in Köpfen von Hunden vorgeht, durchschaue ich nicht, ihre Sprache empfinde ich als recht eintönig, laut und unverständlich. Die beiden Kerle unterhalten sich lange Zeit auf ihre eigene Weise, die Bäuerin ist natürlich auf der Seite ihres Haustieres. Mit dem angestimmten Gebell wird vermutlich versucht die Rechtslage auf dem Hohlweg zu klären. Mir dauert das alles zu lange und so trennen sich unsere Wege.
Da ich den schwarzen Hund nicht mehr wiedersehe, scheint er die Auseinandersetzung verloren zu haben und sein Vorhaben, mir nach Santiago zu folgen, wohl aufgeben. Immerhin: 13 Kilometer der Gesamtstrecke hat auch er geschafft.

Obwohl La Faba nur aus einigen Häusern besteht, deren Bewohner einen herrlichen Ausblick über das Land genießen, gibt es dort, gleich neben der kleinen Kirche, eine sehr nette Herberge mit 30 Plätzen im ehemaligen Pfarrhaus. Diese wird vom deutschen Jakobusverein “Ultreia” aus Stuttgart geführt und allseits gelobt.
Mir ist die auf Einlass wartende Pilgerschar dort zu deutsch, das Wetter zu gut und der Zeitpunkt, für heute schon Schluss zu machen, zu früh. Deshalb gehe ich insgesamt noch 11 Kilometer weiter, für die man circa drei Stunden benötigt.

In Galicien angekommenDer Aufstieg zum “O Cebreiro” ist landschaftlich wunderschön, der Blick über Galicien ergreifend. Ich geniesse die vollkommen stillen Momente die es dort oben auf dem Berg gibt. Das Dorf am Gipfel gleicht einem Museum, hat nur 50 Einwohner, der Auftrieb dort ist aber gewaltig. Eine große Menge Bustouristen wurden in den Ort gekarrt und es gibt Verkaufsstände für Andenken jeder Art. Die neue Beton-Klotz-Herberge mit 80 Betten soll eine der am meist frequentierten des gesamten Jakobsweges sein.

Die kleine Kirche “Santa Maria La Real”, etwas abseits gelegen, stammt aus dem neunten Jahrhundert und ist die älteste erhaltene Kirche am gesamten Weg. Sie war Ort eines Wunders, das sich hier um 1300 zugetragen haben soll. Der Legende nach hat sich ein frommer Bauer in einer stürmischen Winternacht zur Messe in O Cerbreiro hochgekämpft. Der wenig glaubensfeste Mönch der mit der Liturgie beauftragt war, dachte: “Was für ein Dummkopf, nur um ein Stück Brot und ein bisschen Wein zu sehen, kämpft er sich durch die Gesäßkälte da draußen”. Im selben Moment verwandelten sich Hostie und Messwein in echtes Fleisch und Blut. Beides ist in zwei Glasphiolen in der “Capilla del Santo Milagro” dort oben ausgestellt, Kelch und Hostie sind wegen des Wunders auch Elemente auf dem galicischen Wappen! Soviel aus der Abteilung für Glaubensfragen.

Infos aus der Neuzeit, die belegbarer sind, habe ich auch: In O Cebreiro wirkte ab 1959 ein Pfarrer (Elias Valina), der Pionier des modernen Jakobsweges war. Er markierte 1984 erstmals von Frankreich bis nach Santiago den gesamten Weg mit gelben Pfeilen – bis heute Wegweiser und Markenzeichen des Caminos.

Der aufmerksame Leser hat es vielleicht schon bemerkt: Heute ist wieder einer meiner ganz kritischen Tage. In La Faba war mir das Publikum zu deutsch, in O Cebreiro die Menge zu umfangreich. Deshalb lasse ich mich von meinen Beinen in herrlicher Abendstimmung über alle Berge, nach “Hospital da Condesa” tragen. Das ist zwar nur ein kleines Dorf auf 1.250 Metern Höhe, aber aus dem einzigen Gasthaus erklingt sympathische Musik aus Galicien und wie sich herausstellt kann man hier für 25 Euro sehr gepflegt im Einzelzimmer übernachten.

Wenn man 34 Kilometer gelaufen ist, dann hat man abends auch das Recht, diese von der verbleibenden Kilometerzahl abzuziehen und befriedigt festzustellen: es sind noch 153 Kilometer bis Santiago. Dieses Ergebnis beschert mir vermutlich eine richtig Gute Nacht.

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Oekolodschig Fuuud

Liebe Daheimgebliebenen,

den Weg aus Ponferrada heraus zu finden, fällt mir so leicht wie die Orientierung an jedem Tag hier. Deshalb stelle ich die Überlegung an: Der Weg verläuft scheinbar immer genau unter mir. Vielleicht sind wir auch eins. Der Weg und ich. Wenn aber der Weg das Ziel ist, wohin gehe ich dann?

Kleine Weinprobe nach dem RegenIst das ein Koan? Ein Koan ist eine scheinbar unsinnige Frage die Zen-Meister ihren Schülern stellen und diese meditieren dann darüber, oft sogar jahrelang, um die Antwort zu finden.

Sich auf dem Jakobsweg zu verlaufen ist fast unmöglich. Die schon erwähnten gelben Pfeile sind als Markierung fast allgegenwärtig, in Städten gibt es meist zusätzliche Hilfen, zum Beispiel Muschelsymbole auf den Gehwegplatten. Die Beschreibungen eines Reiseführers, wie denn der Weg heute verlaufen wird, benötigt kein Pilger. Höchstens die kulturellen und allgemeinen Infos sind in solchen Büchern wichtig, oder die Angaben zum Höhenprofil des Tages.

Trotzdem gibt es hin und wieder Wanderer die vom Weg abkommen. Die Frage nach dem “warum” lässt sich vermutlich nur mit Psychologie beantworten. Mich erfüllt auch an scheinbar zeichenlosen Gabelungen große Sicherheit wie es weitergehen wird.

Die Wanderung des Tages, die über 26,5 Kilometer nach “Villafranca del Bierzo” führen soll, wird nach zwei Stunden von einem kurzen Gewitter unterbrochen, das sich gestern schon durch fernes Grummeln und dicke Wolken angekündigt hatte. Mein erster Regen hier. Zu sehen gibt es auf dem Weg jede Menge wenig befahrene Landstraße, viele Kirschbäume und später Weinanbau. Insgesamt eine sehr grüne Gegend.

Die Herberge Ave Fenix in VillafancaDen Ort Villafranca nannten die Pilger im Mittelalter auch “Klein-Compostela”, da Kranke und Schwache, die ihre Pilgerreise nicht fortsetzen konnten, dort an der sogenannten Gnadenpforte der “Iglesia de Santiago” den gleichen Ablass erhalten konnten wie später am Apostelgrab in Santiago de Compostela. Ihren Namen verdankt die kleine Stadt übrigens französischen Siedlern (Villa de francos).

Die Herberge “Ave Fenix” , gleich neben der Santiago-Kirche, macht einen recht symphatischen Eindruck. Dass man die Toilettentüren nur mit Schnurschlaufen, die man über Nägel oder Schrauben zieht, verschließt, ficht mich nicht an. Dass sich die Wasserhähne fast einmal um die eigene Achse drehen lassen – was solls. Dass das Dach undicht ist, hat immerhin schon jemand bemerkt. Zwei Handwerker sind mehrere Stunden damit beschäftigt Pause zu machen und nageln irgendwann, laut singend, sogar ein paar neue Bretter fest. Ich nehme an das hilft.

Es gibt nette Einrichtungen hier. Zum Beispiel einen Raum für Schnarcher und einen für Männer über vierzig! Die Personen, die sich in letzterem bereits breit gemacht haben, sind mir zu deutsch und so wähle ich lieber ein Bett im großen Schlafsaal – ganz hinten – neben zwei netten Damen aus Norwegen. Das ganze Haus ist sehr rustikal, hat im Garten eine Wasserstelle mit Teichartiger Pfütze davor, daneben wird Mülltrennung in drei farbigen Behältern betrieben. Sitzgelegenheiten gibt es im Aussenbereich leider nur für circa sechs Personen. Bei 80 Betten. Aber es gibt Waschmaschine und Internet!

Der Fachmann für undichte DächerDer Herbergsvater behauptet er sei achtzig, ist aber sehr fit und vor allem ein grandioser Erzähler und Verkäufer. Für die Übernachtung nimmt er sechs Euro. Für weitere sechs Möpse kann man ein Abendessen dazubuchen. Dies besteht nach seinen Worten voraussichtlich aus: Garlicc-Soup (Knoblauchsuppe), baken eggs, salad and bread. And for dessert we have fruits. “It’s a very oekolodschig fuuud”, versichert er mir.

Auf sowas stehe ich! Also zahle ich in freudiger Erregung den Zusatzobulus und konserviere mein Hungergefühl bis 19:30 Uhr, indem ich aus der Kiste, die ich auf einer Bank in der Ecke entdeckt habe und über der ein Schild hängt “GRATIS”, nur einen kleinen wurmstichigen Apfel zu mir nehme.

Zum Dinner finden sich dann etwa 18 Personen unterschiedlicher Nationalität ein. Alle haben sich fein gemacht. Ich selbst hab’ mein sogenanntes “kleines Schwarzes” angelegt, ein schwarzes Poloshirt, das ich zuhause noch schnell eingepackt habe, nur für den sehr unwahrscheinlichen Fall, dass ich mein Zweithemd verlieren sollte.

Mir gegenüber sitzt Bernardo, ein 52-jähriger Kapitän zur See. Er hat jahrelang die Weltmeere befahren, arbeitet nun aber im Hafen von Barcelona und hat “seinen Camino” erst heute in Ponferrada begonnen. Neben mir sitzen zwei ältere Damen aus Schweden, eine soeben in den Ruhestand versetzte Pastorin mit ihrer tauben Freundin, dazu ein nettes Ehepaar aus dem Osten unserer Republik und verschiedene andere Leute aus diversen europäischen Ländern.

Schuhwerk in der HerbergeDie Garlic-Soup verdient ihren Namen und ist nach der Zugabe von reichlich Salz und Pfeffer repariert. Grauenhaft nur die alten Baguettscheiben, die vollkommen matschig als Einlage in ihr schwimmen. Diese Konstistenz ist eigentlich unzumutbar. Am Nebentisch werden bereits die beidseitig gebratenen Spiegeleier verteilt, für jede Person soll es zwei Eier geben. Dem Salat fehlt nur etwas Essig und Öl. An unserem Tisch ergeben verschiedene mathematische Gleichungen immer wieder das selbe Ergebnis: Wir erhalten jeder nur eineinhalb Eier. Nachschlag nicht möglich. Das Dessert besteht exakt aus den kleinen, wurmstichigen Äpfeln aus der Gratis-Kiste. Wein kann extra gekauft werden. Die Flasche Rosé für drei Euro.

Wir unterhalten uns prächtig, nehmen das ökologische Moment in der Mahlzeit durchaus zur Kenntnis und den Rest mit Humor. Allerdings stehen wir künftig jeder Ankündigung von “oekolodschig fuuud” sehr skeptisch gegenüber. Europaweit!

Wenigstens liegt mir das Essen nicht schwer im Magen. Ich kann also morgen beschwingt starten. Denn es sind nur noch 187 Kilometer nach Santiago und nachdem das Dach dicht ist, wird es vielleicht sogar eine Gute Nacht.

Steine, Musik und Geschichten

Liebe Daheimgebliebenen,

aus diesem Refugio bin ich richtig geflüchtet! Mein viel zu kurzes Bett war ein Grund. Der zweite war die Tatsache, dass die Schlafstätte auch noch neben dem Eingang stand und sich scheinbar alle 19 anderen Pilger einen Spaß daraus machten, ab etwa 3:15 Uhr in regelmäßigen Abständen zur Toilette zu gehen. An Schlaf war kaum zu denken, um sechs Uhr war alles erträgliche überschritten und bereits um 6:40 Uhr stürzte ich hinaus ins Freie.

Das Cruz de FerroNatürlich unbedacht. Denn es herrschte noch vollkommene Dunkelheit. Okay – vollkommene Dunkelheit gibt es heute ebenso selten wie vollkommene Stille – vielleicht gab es also ein kleines bisschen Sternenlicht vom wolkenlosen Himmel. Aber lediglich die Tatsache, dass es noch andere Menschen gab, die nichts in ihren Betten hielt und die über Stirnlampen verfügten, verdanke ich den Umstand dies schreiben zu können und nicht mit gebrochenen Gliedmassen in einem Erdloch verschwunden zu sein.

Nach etwa einer Stunde, im Morgengrauen, werfe ich meine mitgebrachten Steine am “Cruz de Ferro” (Eisenkreuz) auf den dort bereits vorhandenen Steinhaufen. Der gläubige Pilger betet dazu: “Herr, möge dieser Stein, Symbol für mein Bemühen auf meiner Pilgerschaft, den ich zu Füssen des Kreuzes des Erlösers niederlege, dereinst, wenn über die Tatane meines Lebens gerichtet wird, die Waagschale zugunsten meiner guten Taten senken”.

Der Hügel am Cruz de Ferro mit dem Schrott und dem AutorDas Kreuz selbst ist nicht übermässig groß und steckt in etwa acht Metern Höhe in einem Holzpfahl, der in den letzten Jahren von Spaßvögeln schon mehrfach abgesägt wurde. Man sagt, dies sei ein wichtiger Ort auf dem Jakobsweg, und es ranken sich allerlei Vermutungen darum, was es mit dem Kreuz und dem Standort selbst auf sich haben könnte.
Sicher ist nur, dass die Pilger seit Jahrhunderten dort Steine ablegen. Ausserdem hat sich in neuerer Zeit die Unsitte eingeschlichen, an den Pfahl allen möglichen Schrott zu binden um den Inhalt des eigenen Rucksacks zu erleichtern. Von der Sonnenbrille bis zum Damenslip, Muscheln, Hüte, selbst Pfannen und natürlich kleine Flaggen aus verschiedensten Ländern der Welt findet man dort.

Viele Pilger sind von dem Ort trotz des herrlichen Lichts an diesem Morgen enttäuscht. Die geäusserte Vermutung, dass eigentlich sehr schöne kleine Steine aus aller Welt hier liegen müssten, erscheint logisch. Wenn man den staubigen Haufen betrachtet, der zum größten Teil aus Sand und Brocken besteht, die niemals ein Wanderer hierher geschleppt haben kann, so scheint ebenso klar, dass Einheimische, die mit dem Auto direkt hierher fahren können, schöne Steine wohl wieder abtransportieren. Der Brauch besagt nämlich, dass man einen Stein aus seiner Heimat mitbringen sollte.

Auch meine neue Freundin Ida (die Frau mit der ich kürzlich geschlafen habe) ist, als sie eintrifft, sehr frustriert von dem Anblick. Sie ist Reiki-Meisterin und hat seit Jahren einen rein platonischen Freund mit dem sie auf gleicher Wellenlänge ist. Dieser, so erzählt sie mir später, habe bei einem Urlaub in Österreich, an einem besonders energiegeladenen Platz, einen Stein für sie gefunden, den er ihr extra mitbrachte. Der Stein wog immerhin 509 Gramm und sie hat ihn mehr als 500 Kilometer weit bis hierher getragen um ihn nun auf so einem Dreckhaufen ablegen zu müssen.

Morgenstimmung509 Gramm sind wirklich sehr viel in einem Frauenrucksack, der eigentlich nicht mehr als acht oder maximal neun Kilo wiegen sollte. Es gibt Leute auf dem Jakobsweg, die nur Kopien ihres Reiseführers bei sich tragen und täglich die Blätter wegwerfen, mit Wegbeschreibungen darauf, die sie bereits hinter sich haben um den Rucksack leichter zu machen!

Frustrierte Frauen am Morgen sind schwer zu ertragen und so geniesse ich den Sonnenaufgang auf dem Berg, weiterziehend, lieber alleine. Der Weg deckt sich zwar auch hier auf dem Großteil der Strecke mit der kleinen Landstraße, aber auf einer Höhe von 1.500 Metern, nach einem verlassenen Dorf, gibt es keinen nennenswerten Verkehr.

Als ich Ida später wiedersehe, hebe ich ihre Laune, indem ich ihr die “Morgenstimmung” aus der Peer-Gynt-Suite von Edward Grieg aus meinem Kopfhörer verordne. Das wirkt Wunder! Die Landschaft ist herrlich und so lerne ich durch Ida auf dem Camino eine weitere Person kennen. Ida erzählt mir nämlich die Geschichte von Ilse, der Frau eines Diplomaten aus Hamburg.

Die Basilika in Ponferrada mit der Röhre durch die StadtDiese lebt die letzten Jahre ihres Lebens alleine in Spanien. Ein kleiner Fluss mündet in der Nähe ihres Hauses ins Meer, die Terrasse gibt den Blick frei auf ein herrliches Panorama einer kleinen Bucht, Strand und Wellen. Ida ist damals oft bei ihr zu Besuch, geht früh joggen, durch den Fluss, in die nächste Ortschaft und kauft beim Bäcker gerne noch heisses Baguett. Wenn sie zurückkommt, öffnet die stets in helle Töne gekleidete alte Frau ihr die Tür, bittet sie in ihren Salon mit der Terrasse davor, breitet die Arme zu ihrer Aussicht hin aus – nie bezahlt sie das Brot, nie sagt sie danke, nie etwas anderes als: “Ist das nicht schön?”

Und das ist auch genau die Frage, die wir uns kurz vor der Erzählung gegenseitig zeitgleich stellen, während wir die Aussicht geniessen. Eine schöne kleine Geschichte war es ausserdem.

Da wir ein sehr unterschiedliches Tempo gehen, trennen sich Idas und mein Weg allerdings bald wieder. Die kleine Stadt “Ponferrada” ist heute das Tagesziel, insgesamt 29 Kilometer entfernt. Der größte Teil der Strecke führt bergab, insgesamt 1.000 Höhenmeter. Was extrem anstrengend ist. Denn die Wege sind teilweise sehr steil und mit Steinen übersät auf denen es sehr unbequem ist zu gehen.

Als ich am Nachmittag die Stadt mit der Tempelritterburg und der Basilika endlich erreiche, bin ich körperlich vollkommen am Ende. Zum Glück finde ich recht schnell ein schönes kleines Hotel, bekomme ein ruhiges Doppelzimmer mit phantastischem Badezimmer und nehme zum ersten Mal seit etwa 12 Jahren ein entspannendes Vollbad.

In Ponferrada findet derzeit (bis November 2007) eine Ausstellung über den Jakobsweg statt, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Sie beginnt in der Basilika, führt durch eine Röhre, die auf Stützen etwa 500 Meter durch die Altstadt gebaut wurde und endet in der zweiten Kirche, der “Iglesias de San Andrés”. Ich war tief beeindruckt. Von den zusammengetragenen Kunstwerken ebenso wie von dem Gesamtkonzept der Ausstellung mit Audio- und Videoinstallationen. Ich bin sehr froh darüber mein Entspannungsbad wieder verlassen zu haben!

Leben in Ponferrada mit PilgernTrotzdem, nach dieser Wanderung brauche ich heute keine Gesellschaft mehr. Nur noch das Menü des Tages mit einer Karaffe Rotwein und danach und einen schiefen Blick in mein schlaues Buch um festzustellen: es sind noch 213 Kilometer nach Santiago. Dazu die Sicherheit im Doppelbett – das wird eine sehr Gute Nacht.

Schublade oder Suite!

Liebe Daheimgebliebenen,

der Aufbruch aus Astorga gestaltet sich erneut zur kleinen Völkerwanderung. Unter die zahlreichen “normalen” Pilger mischen sich nun zunehmend ganze Busbesatzungen aus Deutschland, Frankreich oder Spanien, die man an ihren leichten Rucksäcken, den Jakobsmuscheln, die sie nicht hinten am Rucksack sondern vorne auf der Brust oder dem Bauch tragen, und vor allem daran erkennt, dass sie sehr frisch gewaschen und parfümiert riechen.

Eine Anhäufung von Bars am WegesrandDiese Buspilger werden irgendwo “ausgesetzt”, wandern bis zu einem bestimmten Tagesziel, wo sie wieder eingesammelt und von dort wieder zu ihrem Quartier zurückgefahren werden. Am nächsten Tag beginnt das Spiel auf einer anderen Etappe von vorne. Manche dieser Buspilger, habe ich mir erzählen lassen, machen das Häppchenweise nun schon im zweiten Jahr, und werden erst im dritten Jahr in Santiago ankommen. Ich will das nicht werten, aber man kann am Ende sicher nicht von “seinem” Camino reden.

Das was alle Wanderer in den letzten Tagen nur schemenhaft am Horizont sehen konnten, rückt nun immer näher. Die “Montes de León”. Unser Tagesziel ist 27 Kilometer entfernt, liegt auf 1439 Metern Höhe und heißt “Foncebadón”. Ein ehemals verlassenes, jetzt wiederbelebtes Bergdorf mit 5 Einwohnern und drei Herbergen.

Eine Anhaeufung von GraesernNervigste Person des Tages war mit Abstand eine dynamische ältere Dame, vermutlich aus Bad Fallingbostel oder zumindest aus Nachrodt-Wiblingwerde, die, ebenfalls eine Vermutung, ihren soeben in den Ruhestand getretenen Ehemann aufs Fahrrad und den Camino gezwungen hat, frisch und heiter ab und an ihren kleinen, yoga-gestählten Hintern aus dem Sattel hebt um den verschwitzten Wanderern ein aufmunterndes “Ola” zuzurufen.
Und das am frühen Morgen.

In den ersten fünf Stunden führt fast der gesamte Weg neben einer wenig befahrenen Landstraße entlang. In Rabanal del Camino beginnt dann der Aufstieg nach Foncebadón durch Ginster, Heidekraut und Baumgruppen. Man kann wieder die Aussicht genießen und sieht nur noch vereinzelt Pilger. Eine wunderschöne Wanderung, musikalisch natürlich untermalt von meiner korsischen Lieblingsgruppe “I Muvrini”.

Die drei Herbergen in dem Bergdorf bieten zusammen etwa 65 Schlafplätze an. Da ich bisher nur gute Erfahrungen mit kleinen Kirchen gemacht habe (siehe Eunate und San Nicolas), fällt meine Wahl auf das kleine “Refugio Domus Dei” neben der ehemaligen Kirche des verfallenen Ortes. Leider ohne vorher das Bett zu vermessen. Dieses hier war das kürzeste in dem ich jemals eine Nacht verbringen musste. Dabei hat jeder einmal klein angefangen. Ich zum Beispiel als Baby!

FoncebadonDer Hersteller der Metall-Liege hat ein Bett produziert, dessen Außenmaß 1,90 Meter beträgt. Das Innenmaß muss exakt 1,86 Meter sein. Im Klartext: ich passe genau in die widrige Konstuktion. Okay – Sarglänge 1,86 wird mal genügen – aber noch lebe ich!

Der Rest des Tages dort oben war trotzdem sehr schön. Zuerst begegne ich Ida wieder, die, gerade im Gespräch mit einer anderen Person, versucht dieser mich vorzustellen, in dem sie sagt, als sie mich wahrnimmt: “Das ist der Mann mit dem ich heute Nacht geschlafen habe”. Dieser Ausspruch wird natürlich sofort zum geflügelten Wort und sorgt für allgemeine Erheiterung.

Ein junger Spanier sorgt in unserem Refugio ebenfalls für Gute Laune. Er erklärt uns, dass in Ponferrada (für viele von uns das Ende der nächsten Tages-Etappe) sehr viele Spanier “Ihren Camino” erst beginnen. Es sei also damit zu rechnen, dass danach der Andrang in den Herbergen größer werde. Aber das sei nicht so schlimm. Leute die von Ponferrada nach Santiago pilgern, würden im Himmel in eine kleine Schublade gelegt. Pilger die aus St.-Jean-Pied-de-Port kämen, würden dagegen eine Suite erhalten!

Nettes Restaurant in FoncebadonZum Abendessen versammelt sich ausnahmsweise ein rein deutscher Tisch. Zwei junge Damen und drei Herren, die allesamt meine Kinder sein könnten, testen mit mir das einzige Restaurant des Ortes. Man kredenzt dort Speisen und Getränke auf mittelalterliche Art und Weise. So werden die Getränke zum Beispiel ausnahmslos in Tongefäßen serviert. Ansonsten gibt es Fleisch satt auf einem gigantischen Grillteller, vorher eine leckere Gemüse-Masse mit Ei, danach ein ausgezeichnetes Dessert.

Wir sind alle sehr sehr zufrieden mit dem Verlauf des Abends und der Entfernung nach Santiago. Es sind jetzt nur noch 242 Kilometer. Und so wünschen wir uns gegenseitig eine Gute Nacht.