Andacht nach dem Ratatouille

Liebe Daheimgebliebenen,

da mein herrlicher Hotel-Schlafplatz direkt am Camino liegt, kann ich mich kurz nach dem Morgengrauen, also etwa um 7:30 Uhr, in die Schar der Pilger einfädeln die schon unterwegs sind.

Im Prinzip ist es nämlich immer noch so, dass alle Leute die in Roncesvalles im Kloster und Refugio waren, also etwa 300 Personen, sich nun schon den zweiten Tag wie eine kleine Schlange auf das nächste Etappenziel zubewegen. Natürlich nicht im Gänsemarsch, aber in wechselnder Reihenfolge, Grüppchenbildung und kilometerweit auseinander gezogen. Manch einer ist auch auf der Flucht. Ich zum Beispiel immer vor zwei Italienern, die eine Riesenshow abziehen. Dazu später vielleicht mehr.

Mit der Zusammensetzung der Schlange wird heute für mich Schluss sein. Denn Etappenziel ist für die meisten Pamplona. Dort beginnen aber auch viele erst ihren Weg. Mein Führer schlägt 31 Etappen nach Santiago de Compostela vor, ich habe aber “nur” 24 Tage Zeit. Für mich bietet sich hier die Chance, die erste Etappe komplett einzusparen, also aus zweien, eine zu machen.

Friedhof nahe dem Altro PerdonDeshalb kürze ich die dritte Etappe zunächst auf drei Stunden ab, indem ich in einem Vorort von Pamplona den Bus (4 km) in die Innenstadt nehme. Die Strecke bis zur Busstation war wenig aufregend, landschaftlich ganz nett, man merkte aber schon die Nähe zur Großstadt.

Auf Pamplona selbst hatte ich mich riesig gefreut. Als ich um circa 11 Uhr da bin, ist die Luft etwas raus. Erstens ist Sonntag und zweitens ist die Stadt ziemlich verlassen. In den Kirchen die ich besichtigen wollte, finden jeweils Gottesdienste statt. Die Stierkampfarena ist natürlich verweist und nach all den tollen Landschaften ist mein Bedarf an der Faszination “Stadt” schnell gedeckt. So nehme ich wieder einen Bus, der mich nach zwei Stunden Aufenthalt circa fünf Kilometer außerhalb von Pamplona in einem Wohngebiet absetzt, durch das der Camino führt. Hier ist auch schon der Beginn der vierten Etappe, ich werde vermutlich so schnell keinem bekannten Gesicht mehr begegnen.

Der Weg nach Obanos führt über den Altro Perdon, einen Berg von 735 Metern. Zuerst ein sehr langer Aufstieg, dann ein teuflisch gefährlicher Abstieg, denn der Weg besteht fast nur aus faustgroßen Steinen. Beim Aufstieg kommt mir eine junge Frau, Isabelle aus Paris entgegen, die aus Santiago kommt und auf dem Heimweg ist. Wow!

Nach 25 Tageskilometern, an der ersten nennenswerten Ortschaft auf meinem Weg, in Uterga, hat der Hospitalero, also der Herbergsvater, die letzten Plätze schon an Radfahrer vergeben! So machen sich die Radfahrer auch Freunde unter den Pilgern . . .

Um einen richtigen Geheimtipp zu erleben, muss ich die normale Strecke verlassen und einen Umweg von 2.5 km in kauf nehmen. Denn die “Iglesias de Santa Maria de Eunate” liegt nicht direkt am Camino.

Der Umweg sollte sich lohnen. Als ich um 17:30 Uhr dort ankomme, und den circa 60-jährigen, sympathischen Franzosen Jean nach der Möglichkeit frage, hier zu bleiben, öffnet er mir sofort die Tür.

Iglesias de Santa Maria de Eunate“Eunate” besteht aus einer alten, sehr kleinen, achteckigen Kirche die mit einem Säulengang umbaut ist, daneben duckt sich ein ebenfalls sehr kleines – nennen wir es Pfarrhaus – mit acht Quadratmetern Kräutergarten vor dem Eingang.

Ein winziger Flur führt rechts sofort in die Küche und Wohnraum, wo ein dicker Franzose, Ferdinand, sitzt, der recht gut englisch spricht und Reisender von Beruf ist. Er schreibt Reiseführer. Mir wird sofort ein Glas Orangenlimonade angeboten – die beste meines Lebens! Obwohl sie auch nur aus einer PET-Flasche kam. Kurz nach mir werden Nina und Anton, ein junges Paar aus Slowenien aufgenommen.

Den fünften Gast im Bunde, John aus Kalifornien, lernen wir im “Schlafsaal” kennen, wo jeder von uns zwei Matratzen bekommt, die man, aufeinander, direkt auf den Boden legt. Ansonsten ist der Raum leer, bietet aber genug Platz für circa drei weitere Schlafplätze.

Hospitalero Jean in EunateJean, der eine unglaubliche Souveränität und Gelassenheit ausstrahlt, erklärt uns kurz was uns erwartet: um 19 Uhr ist Messe in der Kirche. Um etwa 20 Uhr wird gegessen. Jean wird selbst für uns kochen. Um 21 Uhr wird es nochmals eine spezielle Pilgermesse nur für uns fünf Gäste geben. Frühstück gibt es um sieben. Ninas Nachfrage “ab sieben?” wird nur mit einem “um sieben!” beantwortet.
Somit ist auch geklärt, dass die jeweilige Teilnahme an den beiden Messen keine freiwillige Sache ist, sondern erwartet wird. Kein Ort für Atheisten! Und, auch das duldete keine Widerrede: “After dinner, the pilgrims have to wash the dishes!”

Manch einer wird sich fragen: was zahlt man denn nun für so ein Matratzenlager mit Abendessen? Es gibt keinen Preis der dafür genannt wird. Eine Spendendose am Eingang überlässt es jedem selbst, was er für einen Beitrag leistet.

Linde hat mich schon vorgewarnt: eine Messe in Spanien ist nicht unbedingt eine Veranstaltung der Ruhe und Einkehr. Um sieben Uhr war plötzlich der Parkplatz vor der Kirche mit Autos gefüllt, lauter sehr gut gekleidete Menschen, vermutlich aus dem nächsten Dorf rückten an. Dazu kam noch eine komplette Busladung von irgendwoher.

In der Kirche hatten maximal 40 Leute Platz. Also blieb die Tür offen, während die Dinge drinnen ihren Lauf nahmen.

Das Nebengebäude der Kirche dient als RefugioEs war ein sonniger, warmer Abend, und so wurde vor der Kirche ein grandioses Palaver abgehalten. Als es einem Herren in der ersten Reihe (vielleicht der Buergermeister) zu laut wurde, gingt er nach draußen und rief seine Gemeindemitglieder offensichtlich zu mehr Ruhe auf. Sein Appell wirkte aber nur sehr kurzfristig. Als er wieder Platz genommen hatte, war der ursprüngliche Zustand schon fast wieder hergestellt. Derweil herrschte reges treiben. Immer wieder verließen Leute ihren Platz, gingen nach draußen, und andere kamen herein. Es war wirklich interessant zu beobachten.

Zum ersehnten Pilgermenü um 20 Uhr wurde uns kredenzt: ein sehr guter gemischter Salat mit gerösteten Weißbrotecken, die mit Schinken und Käse gefüllt waren. Danach gab es ein überaus leckeres Ratatouille mit Risotto. Zum Finale erhielt jeder von uns eine kleine Schüssel mit Pudding, auf dem ein halber Keks lag. Und auf diesem Keks, herausgeschnitzt aus Zitronenschale, ein kleiner gelber Pfeil.

Das Dessert von JeanDas war eine sehr naheliegende Idee, andererseits aber auch grandios für uns anzusehen. Dazu muss man wissen, dass die ganze Strecke des Jakobsweges in Spanien mit gelben Pfeilen markiert ist. Immer. Überall.

Nachdem die Wanderer den Abwasch erledigt hatten, fand das konspirative 21-Uhr-Treffen in der kleinen Kirche statt. Licht gibt es keins, Jean entzündete nur die sechs großen Kerzen hinter dem Altar, dazu bekommt jeder von uns ein Teelicht in einem verzierten Gläschen und in seiner Landessprache, bzw. in englisch ein Faltblatt mit einem Nachtgebet darauf.

Ferdinand singt, sehr sicher, zuerst ein mir unbekanntes Kirchenlied in spanisch, dann liest jeder von uns den vorher festgelegten Teil des Nachtgebetes in seiner Landessprache. Allein das hat eine tolle Wirkung und geht schon ein bisschen unter die Haut.

Nach einigen Minuten des Schweigens singt Jean zum Abschluss der kleinen Andacht, ganz alleine das “Ave Maria”. Ebenfalls auf spanisch. Sowas von schön. Unbeschreiblich. Gänsehaut-Feeling pur! Und das mir, der ich seit Jahrzehnten mit der Kirche hadere.

So ein Erlebnis will verarbeitet sein. Und es sind ja auch nur noch 712 km nach Santiago. Deshalb: Gute Nacht.

2 Gedanken zu „Andacht nach dem Ratatouille

  1. Hallo!

    Frühjahr 2012 übernachteet ich auch im Refugio Eunate und habe ausführlich mich mit Jean unterhalten über religöse Fragen. Dein Bericht erinnert mich an die doch einpregsame Etappe vom Aragonischen Jakobsweg kommend. Hast du die Adresse von Jean, den ich möchte ihm das Buch das ich geschrieben habe zusenden.

    Mit Grüßen
    Zoran Perowanowitsch

Schreibe einen Kommentar