Alemán? – Muy bien!

Ein Blick in die endlosen Weiten der Meseta

Liebe Daheimgebliebenen,

aus Burgos herauszukommen, geht verhältnismässig schnell. Kaum hat man in einer kleinen Bar hinter der Kathedrale einen “Café con Leche” getrunken und womöglich sein Croissant darin versenkt, schon ist man durch einen Park aus der Stadt herausgekommen. Burgos endet für seine Größe wirklich unvermittelt.

Der brave Pilger muss heute nur eine halbe Stunde lang die Landstrasse mit den Autos teilen, dann darf er sich auf die breiten, staubigen Wege durch die “Tierras de Campos” davonmachen. Das sind die endlosen Getreidefelder, der unter den Pilgern gefürchteten “Meseta”, der zentralspanischen Hochebene. Diese Hochebene liegt immer auf 750 bis 900 Metern Höhe und zieht sich für den Wanderer von Burgos bis Leon, was einer Entfernung von circa 180 Kilometern entspricht. Viele Pilger scheuen diesen langen Weg der wenig Abwechslung verspricht und fahren die Strecke mit dem Bus.

Wie es sich für eine Ebene gehört, gibt es dort keine nennenswerten Steigungen. Allerdings soll es dort Orte geben, die lange Zeit unsichtbar bleiben. Werner und ich sind schon gespannt.

Der Laden in Hornillos del Camino mit dem pfiffigen Namen

Der kluge Mann baut vor. Deshalb trage ich in meinem Rucksack seit Anbeginn der Reise als Ersatz meine ältesten Laufschuhe. Die haben locker 1.000 Kilometer in der abgenutzten Sohle stecken und mir nur einmal eine winzige Blase verursacht. Vergessen und verziehen.

Hornillos del CaminoWas der Pilgrimswalk ist, wurde an anderer Stelle in diesen Briefen schon erklärt. Nur hat diese Art zu gehen auch Nachteile. Es ergeben sich nämlich Fehlstellungen, auch in geliebten Schuhen. Fehlstellungen führen zu Reibung und Reibung zu neuen Blasen. So hatte ich also nach dem halben Ruhetag in Burgos alsbald zwei neue dieser gemeinen Dinger, nun am anderen Fuß, am Ende des Tages sogar deren drei. Und das waren keine kleinen!

Vielleicht waren 30 Kilometer auch zuviel für diesen Tag. Oder für uns. Oder auch beides.

Dabei begann es noch recht nett. Zwei Stunden hinter Burgos, in einem Ort namens Tardajoz, stand eine kleine alte Nonne in weißer Tracht auf dem Kirchplatz und verteilte an die vorbeieilenden Pilger kleine ovale Marien-Anhänger an einem Faden. Nur eine Geste und ein billiges Ding, aber mit dem zugehörigen “Buen Camino”, das sie uns hinterherschickte, gab uns das doch das Gefühl, unsere Pilgerreise sei nicht nur für uns selbst wichtig, sondern werde auch von außen begleitet und unterstützt. Bei mir hat das mehr Eindruck hinterlassen als manch pompöse Kirche am Weg. Wir sind also ab sofort im Auftrag des Herrn unterwegs!

Kaum ein Baum, kaum ein Strauch. Die Wanderung selbst hatte trotzdem ihre Reize. Die meist ungeteerte kleine Strasse zog sich durch die kahle Landschaft, teilweise wie mit dem Lineal gezogen. Unangenehm für den Laufschuhträger nur die vielen Steine, die sich durch die Sohle drückten und die ohnehin gepeinigten Füsse quälten. Die Getreidefelder waren bereits abgeerntet und so gab es ausser goldfarbenen Stoppelfeldern und Pilgern nichts zu sehen. Meine Vorstellungskraft reichte aus, um mir die im Wind wogenden Felder vier Wochen früher vorzustellen.

Vormittags empfand ich es trotz Sonnenschein als sehr kühl, erst am Nachmittag soll es warm gewesen sein. Der stets kalte Wind veränderte die Wahrnehmung der Temperatur bei jedem einzelnen. Die Stärke des Windes konnte ich beim öffnen meiner Wasserflasche kurz ermessen. Er fing sich darin und die Flasche fing an zu pfeifen. Alles klar?

Nach etwa viereinhalb Stunden Gehzeit erreicht man das kleine Dorf “Hornillos del Camino”, wo man sich in den einzigen Laden des Ortes stürzt um ein kühles Getränk zu ergattern. Der Ladenbesitzer ist ein pfiffiges Kerlchen und nennt sein Geschäft deshalb “469 km”. Zwar weiss keiner warum, denn nach Santiago sind es noch mindestens 486 km, aber das spielt dort ja auch nicht wirklich eine Rolle. Es motiviert immerhin ein bisschen.

Eine nette Spanierin in meinem Alter mit reichlich eigenen Blasen an den Füssen gibt sich als Mitarbeiterin eines spanischen Krankenhauses zu erkennen und verpflastert mir vor dem Laden selbstlos die Füße neu!

Für hartgesottene Pilger folgt auf dieser Strecke nach weiteren 90 Minuten Gehzeit eine Übernachtungsmöglichkeit in San Bol. Nur für hartgesottene deswegen, weil das abseits gelegene Häuschen weder über Strom noch Wasseranschluss verfügt und die sanitären Anlagen somit aus einer lustig sprudelnden Quelle bestehen, deren Wasser in ein schwimmbadblau gestrichenes Auffangbecken geleitet wird.

Dort wäscht sich der verschwitzte Wanderer, kühlt sich die Füsse, wäscht seine Wäsche. Als ich da war, wurde in einer Art Selbstreinigung mit dem Wasser am Überlauf des Beckens gerade das Essgeschirr des Hauses gereinigt. Mahlzeit.

Hontanas zeigt sich endlichIm übrigen versucht der Betreiber der 12-Betten-Herberge wohl die Zeit dorthin zurückzudrehen wo er geboren – oder gezeugt wurde, nämlich zur Hippie-Ära in der seine Eltern gelebt haben. Die Hygiene gar ins Mittelalter. Werner und ich brauchen so etwas nicht, sind selbst alt genug und schleppen uns lieber die fehlenden fünf Kilometer nach Hontanas weiter.

Hontanas liegt in einer kleinen, aber recht tiefen Senke und so muss man wirklich schon fast am Ortseingang angekommen sein, um zu bemerken, dass es den Ort gibt. Selbst der Kirchturm schaut nicht aus der Senke hervor. Eigentlich unglaublich. Ist aber so!

Der erste Eindruck von Hontanas ist erfreulich. Gleich am Ortseingang liegt rechts einen Herberge mit Bar. Gegenüber die Kirche mit einem Brunnen davor (von dessen heilendem Wasser die Einheimischen überzeugt sein sollen).

Neben anderen Gebäuden gibt es ein Haus mit dem schönen Schild “Hostal”. Im Eingang stehen drei ortsansässige Damen, die uns bedauernd klar machen, dass leider schon alle Zimmer belegt sind. Eine von ihnen bietet uns aber Unterkunft in ihrem Privathaus an. Für 25 Euro pro Person und Einzelzimmer. Allerdings ein Bad für drei Zimmer. Nach der kürzlich stattgefundenen Besichtigung von Hippie-San-Bol klingt das sofort wie Balsam auf unsere geschundenen Füsse.

Als die Damen erfahren, dass wir “Alemán” sind, erklären sie sich gegenseitig wortreich, dass das “muy bien!”, also sehr gut sei. Wir werden wohl nie erfahren, warum das besser sein könnte, als von einer anderen Nation abzustammen, geniessen aber abends die regionale Spezialität, Blutwurst mit Reis und Zwiebeln, und freuen uns, nur noch 475 Kilometer nach Santiago zu haben. Gute Nacht.